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Mennoniten

 

Kontakt

Generalsekretär:

Dr. theol. Jürg Bräker, Telefon: 031 530 21 76, Mail: juerg.braeker@menno.ch

 

Ko-Präsidium:

Lukas Amstutz, Mail: lukas.amstutz@menno.ch

Christian Sollberger, Mail: christian.sollberger@menno.ch

 

www.menno.ch

 

Geschichte

Die Mennonitengemeinden der Schweiz gehen zurück auf die Täuferbewegung der Reformationszeit im frühen 16. Jahrhundert. Sie gelten als älteste protestantische Freikirche. Anders als das mit obrigkeitlichem Zwang durchgesetzte Modell der Volkskirche schwebte den Taufgesinnten eine auf freiwilliger Mitgliedschaft basierende, obrigkeitsunabhängige Gemeinde vor. Im Januar 1525 begannen darum einige ehemalige Mitarbeiter und Freunde Zwinglis in Zürich mit der Taufe von Erwachsenen, welche auf diese Weise freiwillig ihren Glauben bezeugten. Etwa zur gleichen Zeit entstanden auch andernorts in Europa ähnliche Bewegungen, welche man insgesamt als «Radikale Reformation» bezeichnet.

 

Durch ihre Kritik an einer in ihren Augen unheilvollen Allianz von Kirche und Obrigkeit zogen Täuferinnen und Täufer bald den Zorn der Mächtigen auf sich. Trotz rasch einsetzender Verfolgung verbreitete sich die nach einem ihrer Leiter (dem Niederländer Menno Simons, 1496–1561) zunehmend auch als «Mennoniten» bezeichnete Bewegung der «Wiedertäufer» vorerst aber recht rasch quer durch Europa und später auch nach Nord- und Südamerika. Gefängnis, Folter, Güterkonfiskation, Verbannung und Hinrichtung trieben das Täufertum aber immer mehr in die Isolation. Dies half mit, den Boden zu bereiten für wachsende gesellschaftliche Absonderung und eine bisweilen auch theologische Enge mit teils schmerzhaften Fehlentwicklungen.

 

Erst mit der Aufklärung und der Französischen Revolution begann der äussere Druck nachzulassen. Einflüsse aus Pietismus und Erweckungebewegungen im 18. und 19. Jahrhundert liessen die täuferischen Gemeinden anwachsen und zu neuem geistlichem Leben finden, verstärkten aber auch den Rückzug als «Stille im Lande».

 

Unter dem Druck der Verfolgung breitete sich die verbotene Kirche rasch über ganz Europa aus. In den Niederlanden erhielt sie den heute weltweit gebräuchlichen Namen «Mennoniten» nach Menno Simons, einem ihrer Führer. Durch Auswanderung nach Amerika (18./19. Jhd.) und Missionstätigkeit sind bis heute Mennonitengemeinden in über 60 Ländern auf allen Kontinenten entstanden.

 

Mitgliederzahl (Getaufte): gegen eine Million. Etwa so: In der Schweiz gibt es derzeit 14 Gemeinden mit insgesamt etwa 2 500 Mitgliedern. Sie bilden zusammen die Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS).

Die Mennonitische Weltkonferenz (MWK) vernetzt die Mennoniten weltweilt.

 

Mennoniten in der Region Basel

Bereits vier Jahre vor dem Durchbruch der Reformation gab es in der Stadt Basel seit 1525 eine täuferische Gemeinde. Die trotz Behinderungen rasche Zunahme dieser Bewegung auch im Baselbiet deutet darauf hin, dass hier offenbar attraktive Antworten auf Fragen gefunden worden sind, welche damals viele Zeitgenossen umgetrieben haben. Mit dem Durchbruch der Reformation anno 1529 setzte nun allerdings eine systematische Verfolgung ein, welche auch vor Hinrichtungen nicht zurückschreckte. Dadurch wurde das einheimische Täufertum weitgehend eingedämmt und in ländliche Randregionen abgedrängt.

 

Nach einem erneuten Aufblühen der Bewegung um die Mitte des 16. Jahrhunderts, wich diese verhältnismässig offene Atmosphäre im 17. Jahrhundert wieder einer repressiveren Politik. Versammlungs- und Redeverbote, lange Gefangenschaften und Folter, Güterkonfiskationen und Ausweisungen trieben auch hier eine grosse Zahl von Taufgesinnten zur Flucht ins Ausland. Asylorte waren dabei vor allem Mähren, das Elsass, die Pfalz, sowie Nordamerika.

 

Wichtige täuferische Zentren befanden sich bis 1700 im Leimental und am Blauen, bei Riehen, Lörrach und Grenzach, in Buus, Maisprach und Tecknau, vor allem aber in Thürnen und Rothenfluh.

 

Um 1700 schien das Rückgrat des einheimischen Täufertums weitgehend gebrochen zu sein. Wohl kam es im Umfeld des radikalen Pietismus anfangs des 18. Jahrhunderts zu neuen erwecklichen Aufbrüchen mit täuferischen Bezügen in Pratteln, Frenkendorf, Diegten und Langenbruck. Zu einem eigentlichen Neubeginn täuferischer Gemeinden im Raum Basel kam es allerdings erst ab 1750 durch den Neuzuzug aus dem Emmental, Jura und Elsass. Einzige berufliche Tätigkeit stellte für diese Taufgesinnten vorerst die Bewirtschaftung von meist abgelegenen Sennhöfen dar, wie St. Romai, Arxhof, Wildenstein, Dietisberg, Witwald, Schillingsrain oder Alt-Schauenburg. Bald kamen aber auch Höfe in Stadtnähe hinzu, wie Brüglingen, St.Jakob, Rothaus, Schlossgut Binningen, Wenkenhof. In der Folge bildete sich gegen 1780 eine Obere und eine Untere Gemeinde heraus, wobei aus der in amischer Tradition stehenden und als «fein und streng» bezeichneten Unteren die heutige Basler Holee-Gemeinde geworden ist, aus der «grob und gelinden» Oberen Gemeinde die heutige Schänzli-Gemeinde in Muttenz. Die 1847 gebaute Kapelle der Unteren Gemeinde an der Basler Holeestrasse stellt dabei das älteste nicht-landeskirchliche Kirchengebäude in der Schweiz dar. Namengebend für die Muttenzer Gemeinde wirkte das langjährige Versammlungslokal auf dem «Schänzli» beim heutigen Reitsportzentrum. Der heutige Standort an der St. Jakobsstrasse wurde im Jahre 1903 bezogen.

 

Wichtige Impulse für die Mennonitengemeinden der Agglomeration Basel und darüber hinaus, sind seit ihrer Gründung im Jahre 1950 von der seit 1957 auf dem Bienenberg bei Liestal befindlichen Europäischen Mennonitischen Bibelschule ausgegangen. Als kirchlich-theologisches Ausbildungszentrum, als Tagungsstätte für kirchliche und nichtkirchliche Gruppen und Institutionen, sowie als Caférestaurant für Ausflügler und Gästehaus für Erholungssuchende, nimmt der Bienenberg eine mehrfach wichtige und geschätzte Funktion wahr.

Wer sind die Mennoniten?

Die 14 Gemeinden, die in der Konferenz der Mennoniten der Schweiz (KMS) zusammengeschlossen sind, haben rund 2'500 Mitglieder.

 

Lehre und Ziele

Immer wieder haben massgebliche Vertreter der evangelischen Landeskirchen festgestellt, dass es «in den Hauptstücken des Glaubens» kaum Differenzen zum Täufertum gebe. Welches waren denn nun aber gleichwohl diejenigen täuferischen Überzeugungen und Verhaltensweisen, welche auch schweizerische Obrigkeiten und Kirchen jahrhundertelang nicht dulden zu können glaubten? Welches waren die Herausforderungen und Fragen, mit denen eine meist erstaunlich geringe Anzahl täuferischer Männer und Frauen ihre Zeitgenossen konfrontiert und in einem Ausmass verunsichert hat, welches heute zu überraschen vermag?

 

Erstens stellte das freikirchliche Gemeindemodell der Taufgesinnten eine permanente Anfrage dar an die verschiedenen Typen von Landeskirchen, wie sie auch in der Schweiz jahrhundertelang exklusiv und in engster Symbiose mit den politischen Obrigkeiten bestanden haben. Mit der täuferischen Verweigerung des Eides sollte dokumentiert werden, dass man bedingungslosen Gehorsam nur Gott, nicht aber irdischen Machthabern zu leisten gewillt war.

 

Die auf Freiwilligkeit beruhende Kirchenmitgliedschaft beim Täufertum stellte zweitens ganz generell die Frage nach der Glaubens- und Gewissensfreiheit: In den Augen der frühneuzeitlichen Gesellschaft waren Kirchenmitgliedschaft und regelmässiger Kirchgang unabdingbare Bürgerpflicht. Für die Taufgesinnten jedoch war beides gebunden an eine persönliche freiwillige Glaubensüberzeugung und die Bereitschaft, dieselbe im eigenen Leben konkret umzusetzen. Dementsprechend waren zwar alle Menschen zu einem solchen Glauben herzlich eingeladen, aber niemand sollte dazu gezwungen werden! Es musste – um des Evangeliums willen! – auch Raum geben für ein Nein zum christlichen Glauben und zur Kirchenmitgliedschaft!

 

Drittens ging täuferischerseits mit dieser Freiwilligkeit des Glaubens die Überzeugung einher, dass bei den Gläubigen etwas von diesem «Leben in Christus» auch äusserlich sichtbar werden würde. Gottes Geist ist eine verändernde Kraft, die im Leben von Menschen und Kirchen tatsächlich Neues zu schaffen vermag! Das eigene Leben sollte bei aller Gebrochenheit abzudecken versuchen, was man mit Worten zu glauben vorgab. Diese Konsequenz, dieser Mut auch zum Non-Konformismus bis hin zur Bereitschaft, für die eigenen Überzeugungen notfalls einen hohen Preis zu bezahlen hat auf Aussenstehende offenbar immer wieder sehr eindrücklich und glaubwürdig gewirkt!

 

Viertens spielte beim Definieren und Einüben dieses veränderten Lebensvollzugs «in Christus» die Zentralität der Gemeinde eine Schlüsselrolle. Sie ist der Ort konkret erfahrbarer und praktizierter Versöhnung und Entscheidungsfindung, Ort der Ermutigung und der Korrektur. An und in der Gemeinde sollen Menschen sehen und erleben oder wenigstens erahnen können, was Liebe, Barmherzigkeit, Versöhnung, Gerechtigkeit und Friede als die guten Gaben Gottes an uns Menschen sind.

 

Ein weiteres wichtiges Merkmal täuferischer Gemeinden ist fünftens das «Priestertum aller Glaubenden» und damit eine Aufwertung und Hochachtung der einzelnen Gläubigen. Dahinter steckt die Überzeugung, dass kein Gemeindeglied über alle, aber jedes über einige Begabungen verfügt. Nur im Zusammenwirken aller vorhandenen Einsichten und Fähigkeiten kann Gemeinde Jesu sein und werden!

 

Aufgrund ihrer eigenen biblischen Erkenntnis, sowie wohl auch verfolgungsbedingt, fanden manche täuferischen Gemeinschaften sechstens zu ungewohnten und neuartigen Formen geschwisterlicher Solidarität. So waren Zeitgenossen beispielsweise immer wieder beeindruckt von der täuferischen Fürsorge für die Armen, aber auch der pastoral-seelsorgerlichen Verbindlichkeit innerhalb der eigenen Gemeinde, bisweilen sogar darüber hinaus.

 

Was durch alle Jahrhunderte hindurch immer wieder Anlass zu obrigkeitlicher Verfolgung bot, das war siebtens insbesondere die täuferische Verweigerung von Kriegsdienst. Wo die meisten christlichen Kirchen recht unkritisch die militärischen Aktionen ihrer eigenen Regierungen jahrhundertelang absegneten, da hielten die Taufgesinnten durch alle Zeiten hindurch etwas von der Erinnerung an einen Gott wach, der in Jesus Christus lieber sich selbst dahingab, als mit Macht und Gewalt seine Feinde zu vernichten. Feindesliebe war und ist für die Taufgesinnten darum nicht bloss den Gläubigen auferlegtes neues Gebot in der Bergpredigt, sondern zentraler Ausdruck der Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Christsein hiess für sie, in den Fussspuren eben dieses Gottes in der Welt zu leben. Die biblische Zentralität von Friede, Versöhnung und Gerechtigkeit soll zum Tragen kommen, zuhause und weltweit.

 

(Die Baptisten, sowie der Bund Evangelischer Täufergemeinden/ Neutäufer gehören zwar ebenfalls zur Gruppe täuferischer Kirchen in der Schweiz, haben aber andere historische Wurzeln)

 

Die Publikation «Christus ist unser Friede. Schweizer Dialog zwischen Mennoniten und Reformierten 2006-2009» (Verlag SEK) erläutert Gemeinsamkeiten und Differenzen zwischen Mennoniten und Reformierten.

Zusammenarbeit

Die Baselbieter Mennonitengemeinden arbeiten mit anderen Kirchen der Region auf der Ebene der lokalen Evangelischen Allianz sowie der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen Basel-Landschaft zusammen.

 

Organisation, Finanzen

Jede Gemeinde ist selbständig und regelt ihre Angelegenheiten selber. Die Mitgliederversammlung bestimmt über alle wichtigen Angelegenheiten. Vorstand und ÄIteste bilden die Gemeindeleitung. Seit 1955 können Frauen und Männer gleichermassen in Leitungs- und Verkündigungsdienste gewählt werden.

 

Die Jugendkommission der Mennoniten der Schweiz hat das Anliegen, die Arbeit für Kinder und Jugendliche zu fördern.

 

Selbstdarstellung:

«Die 14 Mennonitengemeinden der Schweiz – verteilt über die Regionen Jura, Bern, Emmental und Basel – bilden zusammen die Konferenz der Mennoniten der Schweiz. Die einzelnen Ortsgemeinden sind autonom und entwickeln je nach örtlichen Bedürfnissen und Gegebenheiten eigene Akzente und Aktivitäten.»

Organisation und Arbeitsbereiche

 

Literatur, Zeitschrift

- Alfred Neufeld: Was wir gemeinsam glauben. Täuferisch-mennonitische Überzeugungen. Schwarzenfeld 2008 (Neufeld).

- Diether G. Lichdi: Die Mennoniten in Geschichte und Gegenwart. Von der Täuferbewegung zur weltweiten Freikirche. 2. Auflage. Weisenheim 2004.

- Christus ist unser Friede. Schweizer Dialog zwischen Mennoniten und Reformierten 2006-2009 (Verlag SEK)

Monatliche erscheint die Zeitschrift «Perspektive».

 

Weitere Links

(Für die Inhalte der verlinkten Seiten übernehmen wir keinerlei Verantwortung!)

 

MennoPedia

MennoPedia ist eine offene Enzyklopädie speziell zum Thema Täufer, Mennoniten, Amische und Hutterer in Geschichte und Gegenwart.

 

Täuferisches Forum für Frieden und Gerechtigkeit

 

Europäisches Netzwerk der Mennoniten

 

Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.

 

Mennonews: Deutsches Nachrichtennetzwerk

 

Ausbildungs- und Tagungszentrum Bienenberg


[int.Nr.:i1123]

Aktualisiert: 07.09.2016

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