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8/2013, Die wunderbare Welt der Sekten


Gerald Willms: Die wunderbare Welt der Sekten. Von Paulus bis Scientology

Mit einem Vorwort von Marco Frenschkowski. Vandenhoeck & Ruprecht

1. Auflage 2012. 344 Seiten gebunden

ISBN 978-3-525-56013-6

 

Auf 344 Seiten schreibt Gerald Willms nicht nur eine Geschichte der Sekten, sondern auch eine Würdigung der Auseinandersetzung mit dem Phänomen.

Im Grunde ist mit dem Vorwort von Marco Frenschkowski bereits eine lesenswerte Besprechung dieses Buches geschrieben. Trotzdem - oder erst recht - schreibe ich als religionswissenschaftlicher Praktiker eine Rezension.

 

Sekte? Was ist das?

Wenn wir dieses Buch gelesen haben, wissen wir, dass es keine Religionsgemeinschaft gibt, die nicht mindestens in der Anfangszeit als Sekte betrachtet und normalerweise diffamiert und oft auch verfolgt wurde. Den Grossteil des Buches verwendet Willms, um eine Religionsgeschichte im Zeitraffer zu schreiben, bei der kaum eine rg fehlt.

Er beginnt bei der christlichen Urkirche, der sogenannten «Nazoräersekte», führt weiter durch die Irrungen und Wirrungen bis in die Neuzeit und lässt auch den Satanismus, die verschiedenen Trendreligionen, den Neopaganismus und die erfundenen Religionen (z.B. «Das Fliegende Spaghettimonster») nicht aus.

Ohne Schönfärberei beschreibt Willms die so verschiedenen Religionsgemeinschaften. Nicht einmal vor den modernen Psychogruppen und dem Spezialfall Scientology drückt er sich. Interessant ist es, zu sehen, dass Scientology zu einem grossen Teil ein Problem der Medien ist.

 

Scientology

Am Beispiel der Scientology zeigt er, wie eine zwar recht merkwürdige "Kirche" seit Jahren als Feindbild Nummer 1 gehandelt wird, ohne dass ihr in den letzten Jahren etwas Gravierendes hätte vorgeworfen werden können. Dass sc. seit die Scientology vom Deutschen Verfassungsschutz observiert wird, ist für Kritiker der Beweis für die Gefährlichkeit dieser «Sekte» erbracht. Willms zeigt, dass diese Gefährlichkeit gar nicht besteht, sonst hätte es in dieser langen Zeit der Beobachtung gerichtliche Verurteilungen oder wenigstens Anklagen geben müssen. Willms führt ein Gutachten des Instituts für Kriminologie der Universität Tübingen auf, das zeige, dass sich Scientology "nicht als Kriminelle Vereinigung im Sinne des Strafrechts" charakterisieren lasse. Das Ergebnis entsprach offensichtlich nicht den Erwartungen der Auftraggeber, so dass diese das Gutachten in ihren Schubladen verschwinden liessen.

 

Willms plädiert ganz allgemein dafür, Augenmass zu wahren und sich nicht von ständig wiederholten Verleumdungen gegen die sogenannten "Sekten" vereinnahmen zu lassen und die gleiche Toleranz walten zu lassen, die wir von Andersgläubigen erwarten.

 

12. Kapitel: "Im Bann der Sekten": Die Sektenmacher

Nicht umfangmässig, aber inhaltlich, ist dieses Kapitel für mich das wichtigste. Willms zeigt kritisch die oft genug fragwürdige Arbeit der Medien und der Sektenberatungsstellen, von denen er einige als «Sekten-Sekten» bezeichnet. Er zeigt die ideologischen Bindungen der kirchlichen und sogenannt neutralen Stellen, denen es zu einem grossen Teil nicht um eine sachliche Information, sondern um die Bekämpfung der "Sekten" geht. Minutiös zeigt Willms das Missverhältnis zwischen der absoluten Mehrheit der harmlosen und seriösen Religionsgemeinschaften und den wenigen extremistischen und gewaltbereiten Gruppierungen wie zum Beispiel der Volkstempel und die Branche Davidians. Willms eine Verharmlosung oder gar eine Weisswäsche vorzuwerfen, greift zu kurz. Er ruft zu einer Differenzierung auf.

In diesem Kapitel zeigt Willms anschaulich, wie Sekten entstehen, das heisst, wer eine Religionsgemeinschaft zur Sekte macht. Willms bezeichnet diese als «Normopathen»: «also jene, die wahrhaft dem Glauben verfallen sind, dass ihre je eigene Weltanschauung und/oder Religion die einzig normale und richtige ist.»

Und hier nochmals ein interessantes Zitat: «Lassen Sie uns dazu einen Blick auf die <Sektenmacher> und die Anti-Kult-Szene werfen, die ironischerweise selbst einige ziemlich <sektenartige> Züge aufweist - weshalb sie von Teilen der angelsächsischen Religionswissenschaft tatsächlich in die Kategorie der <Kulte> eingeordnet wird.»

Wie aktuell das Buch ist, können wir zur Zeit in der Schweiz sehen, wo eine sogenannte «Fachstelle für Sektenfragen» evangelische Freikirchen als Kindsmisshandler diffamiert, was von den Medien bereitwillig aufgenommen wird. Obwohl im Bericht zum Teil differenziert wurde, nahmen die meisten Medien nur die grellen Aspekte - also die Prügelstrafe - auf.

 

Schlussbemerkungen

Willms hat bewusst auf Fuss- oder Endnoten verzichtet. Das habe ich als Leser zu akzeptieren. Sind viele Bücher mit Zitaten und entsprechenden Fussnoten regelrecht überstellt, vermisste ich am Schluss jedes Kapitels einen oder zwei weiterführende Buchtitel oder Links auf eine informative Internetseite, um das Thema zu vertiefen. Aber mit diesem Mangel kann ich leben.

Obwohl oder gerade weil ich selber schon rund 30 Jahre Forschungsarbeit im Bereich der Gegenwartsreligionen mache, kann ich das Buch wärmstens empfehlen.

 

Christoph Peter Baumann

Religionswissenschafter, Leiter von INFOREL, Information Religion


[int.Nr.:i1271e5001308]

Aktualisiert: 17.10.2014

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