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13/2017, Buchkritik: «Gamen mit Gott»


 

Wo sich Computerspiele und Religion begegnen

 

Computerspiele - «Games» - gibt es beinahe so lange, wie es Computer gibt. So wird es kaum erstaunen, dass Games auch im religiösen Bereich Eingang gefunden haben, oder Religionen in Games thematisiert wurden und werden.

Der Religionswissenschafter Oliver Steffen hat in seinem Buch «Gamen mit Gott» die diesbezügliche Geschichte seit 1972 nachverfolgt.

Zwischen Mainstream-Games und Independent-Spielen gibt es grosse Unterschiede. Die Mainstream-Games werden von grossen Publishern hergestellt und vertrieben. Logischerweise steht der kommerzielle Erfolg im Vordergrund.

Für den Einbezug von religiösen Inhalten ist eine gegensätzliche Motivation massgeblich. In säkularen, respektive kommerziellen Games, ist Religion meistens nur eine Facette einer Fantasiewelt. Dabei braucht es nicht einmal eine real existierende Religion zu sein. Viele Fantasy-Rollenspieler sind der Meinung, dass Realweltliches, und insbesondere realweltliche Religion, in diesen Spielen nichts zu suchen hat. Man versucht, die Trennung von Spielwelt und Realwelt möglichst aufrechtzuerhalten.

Ganz anders sieht es aus bei religiös oder ideologisch motivierten Spielen. Es wird kaum erstaunen, dass ein sehr grosser Teil der Games christlich ist. Noch weniger dürfte erstaunen, dass US-amerikanische Evangelikale dieses Neuland am frühesten betreten haben. Ihre Produkte kommen entsprechend in einem missionarischen Gewand daher, was bei den meisten Gamern auf Ablehnung stösst.

Generell sind christliche Games in der Computerspielszene für ihre schlechte oder gar miserable Qualität berüchtigt. Gründe dafür seien die Finanzierung, die Talente und die Integration christlicher Botschaften.

Trotzdem haben christliche Games eine Fangemeinde. So gibt es mehrere Vereinigungen christlicher Spieler.

Neben den mehr oder weniger missionarischen Games mit christlichem Inhalt gibt es eine Reihe von Games, welche wenn nicht antichristlich, dann aber mindestens antikirchlich motiviert sind. Als ein solches Game beschreibt Steffen das Spiel Operation Pedopriest, in welchem die Gamer die Rolle eines Kardinals einnehmen, der im Auftrag der Kirche die sexuelle Ausbeutung von Kindern durch Priester vertuschen muss.

Auch andere Religionen werden thematisiert, ob positiv oder negativ. Ein Spiel mit negativer Ausrichtung ist Muslim Massacre. In diesem bereits 2008 entstandenen Spiel sollen Spieler in der Rolle von amerikanischen Supersoldaten massenhaft angreifende Muslime töten.

In der Schweiz wurde 2009 von einem Schweizer Werber ein Spiel zur Unterstützung der Minarettinitiative veröffentlicht. In Minarett Attack! wachsen Minarette in die Höhe und müssen durch schnelles Anklicken gestoppt werden.

Von Muslimen wurden bereits in den 2000er Jahren islamische Spiele entwickelt. Sie sollen den Islam lehren, die Religionsgeschichte des Nahen und Mittleren Ostens erforschen, oder auch Propaganda gegen Israel und den Westen verbreiten. Es gibt auch mehrere islamische Spiele, welche Kinder in den Islam einführen sollen.

Spiele anderer Religionen sind gegenwärtig seltener. Steffen führt ein paar jüdische Spiele auf.

Es gibt auch wenige buddhistische Games. Sie sind belehrend und nehmen Themen wie Reinkarnation oder das Auffinden des neuen Dalai Lama auf.

Die im ersten Teil des Buches beschriebenen Fantasy-Spiele mit entsprechenden erfundenen Religionen oder Ritualen zum Beispiel mit Göttersimulationen, wurden von christlicher Seite als menschliche Überheblichkeit über Gott empfunden. Ein weiterer Kritikpunkt betrifft die Verzerrung der christlichen Religion oder bestimmter Glaubensinhalte.

 

Das Buch ist gut lesbar beschrieben. Leider ist es nicht mehr so aktuell. Viele Spiele existieren nicht mehr und die neuesten wurden noch nicht erfasst. Trotzdem ist das Buch empfehlenswert.

 

Christoph Peter Baumann

 

Bibliographische Angaben

Oliver Steffen: Gamen mit Gott. Wo sich Computerspiele und Religion begegnen. Zürich 2017.

ISBN: 978-3-290-22038-9

 


[int.Nr.:i1271e5001453]

Aktualisiert: 29.11.2017

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