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6/2008, Ahmadi- und Alevi-Diaspora in der Schweiz

 

Muslimische Gemeinschaften und Inkorporationsregimes: Ein Vergleich der Ahmadi- und Alevi-Diaspora in der Schweiz

Im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms 58 zu Religionsgemeinschaften, Staat und Gesellschaft läuft gegenwärtig am Institut für Sozialanthropologie der Universität Bern ein Forschungsprojekt zu den beiden muslimischen Diasporagemeinschaften der Aleviten und Ahmadis in der Schweiz.

 

Aleviten in der Türkei, in Europa und in der Schweiz

Die Aleviten sind eine kulturell-religiöse Gemeinschaft, die im 13. Jahrhundert in Anatolien aus schiitisch-orientierten Bewegungen entstanden ist. Neben den islamischen Elementen beinhalten alevitische Glaubensvorstellungen auch frühchristliche und schamanistische Aspekte. In Bezug auf die religiöse Alltagspraxis lassen sich mehrere Unterschiede zwischen dem Alevitentum und dem "orthodoxen" Islam erkennen. Die so genannten fünf Säulen des Islams spielen für Aleviten kaum eine Rolle.

 

In der Türkei leben etwa 20 Millionen Aleviten. Noch heute wird das Alevitentum vom türkischen Staat nicht als eigenständige religiöse oder kulturelle Gemeinschaft anerkannt. Bis Ende des letzten Jahrhunderts mussten Aleviten ihren Glauben im Verborgenen ausüben. Mittlerweile können sie ihre Riten zwar öffentlich praktizieren, das türkische Vereinsgesetz erschwert jedoch die Selbstorganisation. Laut Gesetz werden Organisationen auf der Basis von sprachlichen, ethnischen, religiösen oder regionalen Identitäten verboten.

 

In Westeuropa haben Aleviten seit Ende der 80er Jahre zahlreiche Gemeinden gegründet. In vielen Ländern sind diese Gemeinden in nationalen Dachverbänden organisiert. Es sind vor allem diese Dachverbände, welche mit einer transnationalen Politik die formelle Anerkennung des Alevitentums in der Türkei erreichen wollen.

 

Der erste Verein in der Schweiz wurde 1992 in Basel gegründet. Mittlerweile existieren 13 lokale Vereine. Die erste Phase dieser Institutionalisierung bekam Aufwind durch Protestaktionen der alevitischen Bevölkerung auf Gewaltattentate in der Türkei.

Als Reaktion auf den Brandanschlag auf ein alevitisches Kulturfestival in Sivas im Juni 1993 sind mehrere Vereine in der Schweiz entstanden. Die meisten dieser Vereine sind in der deutschen Schweiz angesiedelt, aber auch in der französischen und in der italienischen Schweiz sind die Aleviten organisiert.

Die Vereine setzen sich für den Erhalt und Pflege der alevitischen Lehre und Kultur, für die Anerkennung der alevitischen Glaubensgemeinschaft, für die Integration der alevitischen Migranten und für die Menschenrechte ganz Allgemein ein.

Die Entstehung und Entwicklung der Ahmadiyya-Bewegung

Die Ahmadiyya ist eine islamische Erneuerungsbewegung und geht auf den Gründer Mirza Ghulam Ahmad zurück, der die Bewegung im Jahre 1889 im damaligen Britisch-Indien gründete.

Ahmad behauptet, von Gott als der Verheissene Messias und erwartete Mahdi erweckt worden zu sein und von ihm den Auftrag zur Vereinigung der Menschheit unter der Religion erhalten zu haben. Ahmad stirbt 1908, als Nachfolger agiert seitdem jeweils ein von der Gemeinschaft gewählter Kalif.

In der zweiten Dekade des 20. Jahrhunderts beginnt die Gemeinschaft, sich global auszubreiten. In ihrem Missionsbewusstsein unterscheidet sich die Ahmadiyya stark von anderen islamischen Strömungen.

Nach der Teilung Indiens 1947 verlegt die Ahmadiyya ihren Hauptsitz nach Pakistan. Dort werden Ahmadis mehr und mehr zum Ziel massiver, von der Regierung gutgeheissener Unterdrückung und Verfolgung. Ihren Glauben können sie nicht mehr öffentlich leben. Auf dogmatischer Ebene ist der Kampf gegen sie relativ leicht zu führen, weil sie ihrem Gründer propheten-ähnlichen Status zugestehen. Diese Haltung steht im Widerspruch zur Ansicht der Mehrheit der Muslime, für die Mohammed der letzte und endgültige Verkünder des rechten Glaubens ist. Als sich Verfolgung und Unterdrückung verschlimmern, begibt sich das damalige Oberhaupt der Gemeinschaft nach London ins Exil. Viele Ahmadis verlassen Pakistan und flüchten unter anderem in die Schweiz.

 

Heute umfasst die Gemeinschaft in der Schweiz siebenhundert Mitglieder, die sich auf vierzehn lokale Gemeinschaften verteilen. Zentrale Anliegen der Gemeinschaft sind einerseits die Erziehung der eigenen Mitglieder, andererseits die friedliche Verbreitung ihres Glaubens unter dem Motto „Liebe für alle, Hass für Keinen“.

Projektziele

Ein Ziel des Projektes ist es, mit der vorherrschenden Vorstellung eines uniformen Islams zu brechen. Denn entgegen der medialen Wahrnehmung weist die muslimische Gemeinschaft in der Schweiz mit ihren unterschiedlichen nationalen, kulturellen und sprachlichen Prägungen eine grosse innere Vielfalt auf, was am Beispiel der beiden muslimischen Gemeinschaften der Aleviten und Ahmadis aufgezeigt werden kann.

Das Projekt untersucht die Entstehung und Entwicklung dieser Gruppen, welche in ihrer Eigenheit die vielfältigen Traditionen und Gemeinschaften des Islams widerspiegeln. Beide werden sie von anderen Muslimen nicht anerkannt und gelten als heterodox.

Weiter sollen mit dem Blick durch diese Gruppen hindurch auch Kenntnisse über die strukturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Schweiz gewonnen werden.

 

Das Forschungsprojekt arbeitet mit der These, dass die Institutionalisierung und Integration von eingewanderten Religionsgemeinschaften weniger durch mitgebrachte Traditionen bestimmt werden, als durch die so genannten Inkorporationsregimes der Aufnahmegesellschaft.

Diese Regimes umfassen alle politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Bedingungen, welche eine Eingliederung bzw. Ausgrenzung von Migranten beeinflussen. Mittels Vergleich der beiden Gruppen unter verschiedenen kantonalen und kommunalen Bedingungen wird der Einfluss der schweizerischen Inkorporationsregimes auf neu zugewanderte Religionsgemeinschaften systematisch analysiert.

 

Über die Erforschung der Schweizer Verhältnisse hinaus sollen auch die transnationalen religiösen Netzwerke untersucht werden, welche die Institutionalisierung der beiden Religionsgemeinschaften in der Schweiz beeinflussen.

 

Durch Einbindung in transnationale Netzwerke sind die Diaspora-Gemeinschaften sowohl mit dem Herkunftsland als auch mit anderen Diasporas verbunden. Dementsprechend ist ein drittes Standbein des Forschungsprojektes die Untersuchung des transnationalen Kontextes und dessen Einfluss auf die Etablierung der Gemeinschaften auf lokaler Ebene.

 

Projektteam:

Projektleiter: Prof. Martin Sökefeld, Institut für Sozialanthropologie, Universität Bern

Projektmitarbeiterinnen: Sarah Beyeler und Virginia Suter

 

Für Fragen und Anregungen wenden Sie sich an:

Sarah Beyeler: sari@students.unibe.ch

Virginia Suter: virginiasuter@students.unibe.ch

 

 

[int.Nr.:i1271e500806]

 

Aktualisiert: 4.5.2008

 

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Aktualisiert: 17.10.2014

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