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Die Frage der Verfolgung der Ahmadi-Muslims in Pakistan

 

Auszug aus INFOREL-Mitteilungen Nr. 22, 1991/4:

«Flucht und Religion»

 

(Obwohl der folgende Text bereits 1991 - also vor rund 18 Jahren - geschrieben und publiziert wurde, hat er leider kaum an Aktualität eingebüsst, deshalb veröffentlichen wir ihn hier nochmals.)

 

Die Frage der Verfolgung der Ahmadi-Muslims in Pakistan oder Big Brother is watching you

 

Yahya Hassan Bajwa, lic. phil. I

Präsident Khuddam-ul-Ahmadiyya Schweiz

 

Bismillah hirrahma nirrahim;

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Barmherzigen.

 

Die Ahmadiyya-Gemeinde im Islam besteht aus 10 bis 15 Millionen Mitgliedern, die in der ganzen Welt - in etwa 120 Ländern - verstreut sind. In der Schweiz ist diese Bewegung seit 1946 vertreten. 1963 wurde die erste Moschee in der Schweiz durch sie an der Forchstrasse 323 gebaut. Die Mehrheit, rund etwa 4 Millionen, lebt in Pakistan. Ihr Schicksal soll in diesem Artikel zur Sprache kommen. Zuerst jedoch ein kurzer Überblick, der die religiösen Unterschiede der Ahmadi-Muslims von den anderen islamischen Gruppierungen aufzeigt. Hierbei soll es sich nicht etwa um eine Beweisaufzählung handeln, die die Interpretation der Ahmadis rechtfertigen soll - dies wäre ein eigenes Thema - sondern wirklich nur die wichtigsten Unterschiede.

 

Der Gründer der Ahmadiyya-Bewegung lebte im 19.Jahrhundert in einem kleinen Dorf namens Qadian im Punjab, damals British India. Für das 19. Jahrhundert war die Ankunft des Mahdis, für die Muslims und wie auch für viele Christen die Ankunft Jesu prophezeit worden. Hazrat Mirza Ghulam Ahmad, der Gründer der Bewegung, erwies sich als eine sehr wichtige Persönlichkeit in der theologischen Auseinandersetzung zwischen den Muslims,Christen und vor allem auch der Hindus, die eine Kampagne begonnen hatten, Muslims zum Hinduismus zu bekehren. Es wurden viele öffentliche Debatten zwischen den verschiedenen Religionen organisisiert und die Argumente des Hazrat Mirza Ghulam Ahmad wurden als die Rettung des Islams gefeiert. Auch seine späteren Feinde lobten ihn als den besten Verteidiger der islamischen Sache.

 

1889, gemäss göttlicher Weisung, verkündete Ahmad, dass er der erwartete Mahdi sei und dass er auch die Wiederankunft von Jesus, Buddha und Krischna verkörpere. Dies führte dazu, dass sowohl Hindus wie auch Christen und Muslims vereinigt gegen den Gründer der Ahmadiyya-Bewegung vorgingen. Denn mit dieser Behauptung wurde am Fundament aller dort existierenden Religionen gerüttelt. Er zog den Hass auch auf sich, weil er den Quran neu interpretierte.So sagte er, dass der «Heilige Krieg» nicht mit dem Schwert, sondern mit der Füllfeder und mit Argumenten auszufechten sei. Diese Interpretation, die heute von den meisten Muslims akzeptiert wird (ausgenommen den sogenannten «Fundamentalisten», die im Prinzip mit dem Fundament einer Religion gar nichts zutun haben), wurde vor 100 Jahren verworfen und die Bewegung als ein Machwerk der Engländer abgestempelt.

 

Einige Unterschiede sind bereits erwähnt worden, hier nun eine Zusammenfassung:

• Der Gründer nimmt für sich das Amt des Mahdis (Erneuerer des Islams) in Anspruch und bezeichnet sich auch als «Nabi» (Prophet).

• Er verkündet, die Wiederkunft der Propheten verschiedener Religionen zu sein. (Er verkörpert deren «Geist» und ihre Aufgabe der Erneuerung - somit widerspricht er der Ansicht (der meisten Muslims und der Christen), dass derselbe Jesus wieder auf die Erde zurückkommt, der vor bald 2000 Jahren gelebt hat.

• Er behauptete, dass Jesus nicht am Kreuz gestorben sei, sondern, dass er lebendig vom Kreuz heruntergeholt wurde und später ins heutige Kaschmir in Indien auswanderte. Die jüdischen Stämme, die dort lebten, anerkannten ihn als den wahren Messias. Weiter, dass sich das Grab von Jesus Christus (Friede sei auf ihm) in Srinagar/Kaschmir befindet.

 

Nach dem Tod des Gründers wurden jeweils Khalifs gewählt, die die Geschicke der Gemeinde lenkten. Der heutige Khalifa, Hazrat Mirza Tahir Ahmad Khalifat-ul-Masih IV., lebt seit 1984 in England im Exil. Schon zur Zeit des Gründers wurden zum Teil Gemeindemitglieder verfolgt und getötet. 1974 wurden unter der Herrschaft von Z.A.Bhutto (Vater von Bezar Bhutto) die Ahmadi-Muslims zu Nicht-Muslims erklärt. Dies geschah unter Druck der sogenannten Mullahs, die ihre Lebensaufgabe darin sahen, die Ahmadis zu vernichten. Es sind dieselben Mullahs, die sich zuvor schon gegen eine Teilung des Britischen Reiches stark machten und dadurch die Entstehung Pakistans verhindern wollten. Die Regierung erklärte 1974 per Dekret die Ahmadis kurzerhand zu einer eigenen religiösen Gemeinschaft ausserhalb des Islams. Währen den nächsten zehn Jahren wurden viele Ahmadis verfolgt und umgebracht. Ihre Häuser und Geschäfte wurden geplündert und niedergebrannt.

 

1984 änderte sich die Situation schlagartig, und zwar im negativen Sinn. Durch das Militärdekret XX (Ordinance XX, Islamabad 26.April 1984) wurde das Gesetz von 1974 bekräftigt und erweitert. Darin geht es darum, die «anti-islamischen Aktivitäten» der Ahmadis zu unterbinden. Die Regierung unter Zia-ul-Haq bestimmt, dass jeder Ahmadi, der sich als Muslim ausgibt, mit Geldstrafe bis hin mit Gefängnisstrafe bestraft werden soll. Dass ein Ahmadi, der sich als Muslim ausgibt und der gemäss Regierungsbeschluss gar keiner ist, keinerlei islamische Handlungen ausüben darf. Dies gilt für den alltäglichen Gruss «assalamo alaikum» (Friede sei mit euch), aber auch für den Gebetsruf, das Gebet selber oder für das Quranlesen. Kurz, für alle Handlungen, die ein Muslim in seinem Alltag durchführt.

 

Dieses Gesetz führte zu weiteren Verfolgungen. Viele unschuldige Menschen wurden getötet. Viele Ahmadis sitzen heute im Gefängnis, weil sie sich zum islamischen Glaubensbekenntnis «Es gibt keinen Gott ausser Allah und Muhammad ist Sein Gesandter» bekennen. Gezielt werden Ärzte, Professoren, Lehrer und andere Akademiker umgebracht. In einigen Städten wurden zahlreiche Funktionäre der ab ermordet. Das Schlimmste ist, dass heute die Regierung direkt oder indirekt hinter diesen Ermordungen steht, da sie sie toleriert und die Täter nicht bestraft. Der ehemalige Präsident Zia-ul-Haq sagte, dass jeder Muslim das Recht in die eigene Hand nehmen muss, wenn der Heilige Prophet Muhammad (Friede sei auf ihm) beleidigt würde. In seiner Botschaft an eine Anti-Ahmadiyya-Versammlung in London, 4.-6. August 1985, liess er den folgenden Text verlesen: "Wir werden, wenn Gott so will, mit Ausdauer dafür sorgen, dass das Geschwür Qadiani (pejorativer Ausdruck für Ahmadi) ausgerottet wird."

 

Auch im öffentlichen Leben spürt man die Verfolgung Als Ahmadi erhält man keine Stelle im öffentlichen Dienst. Lehrer, die seit 20 Jahren unterrichtet haben, werden mit der Begründung "dass sie Ahmadi sind" entlassen. Mir selber wurde 1974 der Schulbeitritt verwehrt, als bekannt wurde, dass ich Ahmadi bin. Studenten wird das Studium verwehrt, auch dann, wenn sie Klassenbeste waren. Karrieren im Militär oder in staatlichen Ämtern werden frühzeitig verunmöglicht. Ahmadi-Muslims wurden nicht nur in Pakistan ermordet, sondern auch in Indien, Afghanistan, Indonesien, USA, Albanien, Ägypten und Sri Lanka. Die Hand der Mullahs reicht scheinbar auch weit ausserhalb Pakistans. Anti-Ahmadiyya-Propaganda wird durch die Botschaften von Pakistan und speziell Saudi-Arabien organisiert. Als ich 1990 in Polen weilte, wurde mir mitgeteilt, dass diese beiden Botschaften in Polen in dieser Tätigkeit sehr aktiv seien.

 

Weshalb der Untertitel "Big brother is watching you"? In der Geschichte «1984» von G.Orwell wird eine Welt aufgezeigt, die den Menschen und sein Denken zu kontrollieren versucht. Nur wenigen "gelingt" die Flucht, ohne dass sie "vaporized", vernichtet, werden. Die pakistanische Regierung übernimmt die Rolle des "Big brothers", denn sie bestimmt, was die Ahmadis wirklich denken.Wenn ein Ahmadi sagt, dass es keinen Gott ausser Allah gibt und Muhammed Sein Gesandter ist, weiss der Regierungsbeamte, dass der Ahmadi in Wahrheit dies zwar sagt, aber nicht glaubt. Wenn er den Gruss "assalamo alaikum!" ausspricht, dass er dies wohl ausspricht, aber nicht so meint. Wenn der Ahmadi irgendeine islamische Handlung durchführt, sie nie und nimmer als Muslim durchführt. Dass jede islamische Tätigkeit eines Ahmadi-Muslims unislamisch wird. Dass Ahmadi-sein bereits gegen das Gesetz verstösst und eine Straftat ist. In den pakistanischen Geschichtsbüchern werden die Errungenschaften und Leistungen der Ahmadis herausgestrichen, umgeschrieben und für immer um Verschwinden gebracht (als Beispiel sei Sir Ch.Zafrulla Khan, der erste pakistanische Aussenminister und ehemalige Präsident des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, genannt). Auch "Nazi-Gedanken" treten zum Vorschein. So verlangten einige, dass Ahmadi-Muslims eine spezielle Kleidung zu tragen hätten., so dass sie sofort erkannt werden. An Ahmadi-Läden steht: "Kauft nicht hier, das ist ein Ahmadi!!" 1991 wird im Pakistanischen Gericht darüber diskutiert, ob die Ahmadi-Eltern, die ihre Kinder in ihrem Glauben unterrichten, nicht mit dem Tod zu bestrafen seien, da sie ein muslimisches Kind zu einem Nicht-Muslim erziehen. (Im Islam geht man davon aus, dass jedes Kind rein und als Muslim geboren wird.) Interessanterweise wird dieses Argument nicht gegen die Christen-, Hindu- oder Sikheltern verwendet, die ebenfalls in Pakistan ihre Kinder in ihrer eigenen Religion unterrichten.

 

Wichtig im ganzen System ist, dass ein grosser Teil der Bevölkerung wohl gegen diese Diskriminierung ist, aber zu feige ist, ihre Stimme dagegen zu erheben. Als im Fastenmonat Ramadan ein Ahmadi-Anwalt seine Nicht-Ahmadi Kollegen im Gericht traf, wollten sie ihn zu einem Tee einladen, d.h. sie waren alle nicht am Fasten, obwohl sie per Regierungsbeschluss die wahren Muslims darstellten. Da rief einer: Der ist sicher am Fasten, er ist ja schliesslich ein «Kafir» (Ungläubiger)!"

In Pakistan nimmt sich die Regierung das Recht, zu entscheiden, wer Muslim ist und wer nicht. Sie definiert neu den «Muslim». Das Kennzeichen eines Muslims ist das Bekenntnis: «Es gibt keinen Gott ausser Allah und Muhammed ist Sein Gesandter», wer sich zur Kalima (islamisches Glaubensbekenntnis) bekennt, ist Muslim. Die Antwort der Ahmadi-Muslims lautet: "Wir sind bereit, jedes Opfer für die Kalima auf uns zu nehmen!"


[int.Nr.:i1308e02]

Aktualisiert: 17.10.2014

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