inforel
Differenzierte und unabhängige Information über Religionen und Weltanschauungen in der Region Basel

Was ist Alevitentum?

Alevitinnen und Aleviten sind unauffällig
Geschichte
Lehre

Alevitinnen und Aleviten sind unauffällig

Aleviten fallen in unserer modernen Gesellschaft nicht auf, weil sie sehr anpassungsfähig sind. Sie tragen keine spezielle Kleidung oder Kopfbedeckung, die auf ihre Kultur oder Religion hinweist.

 

Aleviten bekennen sich zu Humanität und Demokratie, deshalb kommt ihnen unsere Staatsform entgegen. Scharia, das islamische Gesetz, lehnen Aleviten ab. Das ist der wichtigste Unterschied zu den Sunniten. Aleviten kennen keine Pflichtgebete. Aleviten brauchen zum Beten keinen besonderen Raum und keine spezielle Zeit. Jede Alevitin und jeder Alevit betet dann und dort, wo er oder sie will auf eine Art, wie es ihm oder ihr entspricht. Der Koran ist für Aleviten kein Gesetzbuch, sondern die Niederschrift von Offenbarungen, die kritisch gelesen werden dürfen.

 

Mann und Frau sind gleichberechtigt. Zu anderen Religionen, Glaubensbekenntnissen und Ideologien haben Alevitinnen und Aleviten ein sehr offenes Verhältnis. Auf eine undogmatische Weise fühlen sie sich der Humanität verpflichtet. Die Menschenrechte im ganzen sowie die Meinungs- und Religionsfreiheit im speziellen werden von ihnen ausdrücklich bejaht. Jedem Menschen wird ausdrücklich das Recht auf einen eigenen Glauben zugestanden.

 

Über die Anzahl der Alevitinnen und Aleviten gibt es nur Schätzungen. In ihrer Heimat, der Türkei, werden sie nicht als eigenständige Religionsgemeinschaft anerkannt, sondern den Sunniten zugeschlagen, deshalb sind keine offiziellen Zahlen erhältlich. Aleviten nehmen an, dass etwa zwanzig Millionen zu ihrer Gemeinschaft gehören.

 

Manche Aleviten aus dem Osten der Türkei bzw. kurdische Alevi bezeichnen sich als Alevi-Kizilbasch, um sich von den westlichen Alevi-Bektaschiten zu unterscheiden.


Geschichte

Die Aleviten sind erst seit kurzem ein Thema der wissenschaftlichen Forschung. Deshalb gibt es bisher erst wenige Werke über sie. Diese Darstellungen weichen oft recht stark von den alevitischen Eigendarstellungen ab, die auch unter sich nicht einheitlich sind.

 

Es gibt über die Entstehung mehrere Theorien:

 

- Die Trennung von Sunniten und Aleviten begann beim Tod von Mohammed im Jahre 632 n. Chr. Diese Auffassung entspricht jener, wie sie von Schiiten auch vertreten wird.

 

- Erst durch den Sufimeister Haci Bektasch soll der Alevismus im 13. Jahrhundert entstanden sein. Auf ihn beruft sich ein Grossteil der heutigen Aleviten. Deshalb nennen sich viele Aleviten-Bektaschiten.

 

- Nach vielen Historikern entstanden die Aleviten im 16. Jahrhundert bei den Auseinandersetzungen zwischen den Osmanen und den Safaviden, die versuchten, turkmenische Stämme im osmanischen Machtbereich durch religiöse Propaganda für sich zu gewinnen.

 

- Besonders in der kurdischen Geschichtsschreibung taucht auch der Gedanke auf, die Religion der Aleviten gehe auf die zoroastrische Religion zurück, die auch die alte Religion der Kurden gewesen sei.

 

Links zur Geschichte:

- Alevitentum (auch Alevitum, Alevismus) (Cihan Minkner)

- Die Aleviten im Wandel der modernen Geschichte (Hans-Lukas Kieser ) (6.9.2001)

Vortrag gehalten am 6. September 2001 anlässlich des achten wissenschaftlichen Kongresses der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient für gegenwartsbezogene Forschung und Dokumentation (DAVO).


Lehre

Die Aleviten haben ein ganz anderes Gottesverständnis als Muslime, Christen und Juden. Mit der Aussage, Gott ist der Schöpfer, Erhalter und Vernichter des Universums und allem, was darin ist, ist die Gemeinsamkeit praktisch erschöpft.

Gott entwickelt sich in mehreren Stufen. Die sichtbare Gestalt Gottes ist die Natur und damit auch der Mensch. Jeder Mensch ist eine Manifestation Gottes, auch der Schurke und der Gottlose; allerdings sind diese missglückte Experimente Gottes. Jede und jeder muss selber zur Erkenntnis von Gott und Natur kommen. Jedem Menschen wird das freie Selbstbestimmungsrecht zugestanden. Er kann beliebige Rituale pflegen oder darf sogar Atheist sein, sofern er seine eigenen Ansichten nicht anderen aufzwingen will. Die sozialen Normen wie das Verbot des Tötens, des Diebstahls, der Verleumdung und des Ehebruchs gelten für Aleviten gegenüber allen Menschen. Die Frage nach dem Tod und den Jenseitsvorstellungen ist für Aleviten nebensächlich. Das Verhältnis zum Mitmenschen ist wichtig.

 

Für sunnitische und schiitische Muslime ist der Koran heiliges Buch und Gesetzbuch in einem. Der Koran gilt absolut, es darf kein Buchstabe verändert werden. Die alevitische Ansicht ist diametral verschieden. Der heutige Koran sei vom Kalifen Osman verändert worden. Er habe alle Teile, die von Ali und der Demokratie handeln, herausgenommen. Der Koran wird zwar von Aleviten gelesen, aber kritisch aufgenommen; er hat für Aleviten nicht die Bedeutung eines Gesetzes.

 

Der «Perfekte Mensch» (zum Beispiel: Mohammed, Ali) ist wichtiger als jedes Heilige Buch. Er kann Neues lehren. Dadurch wird die Erstarrung im Dogmatismus verhindert und ist eine Veränderung und Anpassung an geänderte Umstände möglich. Seine Aussagen gelten nicht für alle Zeiten. Was heute wahr ist, kann morgen falsch sein. Der Perfekte Mensch entwickelt sich stufenweise empor aus der Materie und setzt sich seine eigene Norm. Nur mit Hilfe des Körpers gewinnt der Perfekte Mensch eine Denkkraft, die grösser ist als die der Engel. Durch die Lehre vom Perfekten Menschen wird für Aleviten die Scharia hinfällig. Der Perfekte Mensch nimmt im Alevismus die gleich hohe Stellung ein, die im Sunnismus der Koran hat. Höher als der geschriebene religiöse Text steht der spirituelle Meister, der aber auch nicht überbewertet werden darf. Jeder Mensch soll diesen hohen Stand erreichen.

 

Mohammed gilt als letzter Prophet. Er kann nicht losgelöst von Ali behandelt werden. Ali war Mohammeds Vertrauter und rechtsgültiger Nachfolger. Die beiden werden oft als Einheit gesehen und beschrieben.

 

Haci Bektasch kam nach Anatolien und verbreitete seine Lehre in türkischer Sprache, nicht in Arabisch. Ein wichtiger Punkt seiner religiösen und sozialen Reformlehre war die Abschaffung des islamischen Gesetzes, der Scharia. Er erklärte Mann und Frau für gleichwertig.

 

Der Dede (türkisch: Grossvater) wird aufgrund seiner Stellung und seines Amtes mit diesem Ehrentitel angesprochen. Die Dede sollen alle mit Ali und Mohammed verwandt sein. Dede ist ein erbliches Amt, das in der männlichen Linie weitergegeben wird.


[int.Nr.:i215e01]

Aktualisiert: 21.02.2012

Für einen direkten Link auf diese Seite genügen diese Angaben:
www.inforel.ch/i215e01

© INFOREL, Information Religion. Veröffentlichung nur mit schriftlicher Erlaubnis!