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Interreligiöse Partnerschaft zwischen Hindus und Christen

«Hinduismus» ist ein Name für eine Gruppe von Religionen, die ihren Ursprung in Indien haben. Obwohl sie viele Gemeinsamkeiten haben, bestehen doch mehr oder weniger grosse Unterschiede. Die Mehrheit der etwa 28'000 Hindus in der Schweiz sind Tamilen. Deshalb können wir uns hier auf diese Gruppe beschränken.

 

Heirat nach tamilischer Tradition

Traditionell wird die Ehe von den Eltern vermittelt. Dabei müssen einige Punkte stimmen, so zum Beispiel die Kaste. Denn: zu welcher Kaste gehören die Kinder von kastenverschiedenen Eltern? Ein weiterer wichtiger Faktor ist das Horoskop. Beide Elternpaare wollen, dass das junge Paar glücklich wird. Dafür scheint es wichtig, dass es astrologisch zusammen passt. Die Kastenunterschiede sind heute - vor allem in der Diaspora - nicht mehr so wichtig. Deshalb gibt es immer mehr kastenverschiedene Ehen. Das Horoskop ist bei Liebesehen auch nicht so bedeutend, weil die Zuneigung die astrologische Komponente überspielen kann.

Vorehelicher Sex wird abgelehnt. Die standesamtliche Eheschliessung, die in der Schweiz Voraussetzung für eine religiöse Ehezeremonie ist, gilt für Hindus nicht als Heirat. Paare, die nur mit amtlichem Segen versehen sind, gelten religiös als unverheiratet. Das heisst, sie leben gesellschaftlich gesehen in wilder Ehe!

 

Die hinduistische Ehezeremonie

Paare, die in der Schweiz heiraten wollen, müssen vor der religiösen Zeremonie standesamtlich geheiratet haben. Der genaue Zeitpunkt der hinduistischen Ehezeremonie wird nach dem Horoskop bestimmt. Ausserdem sind bestimmte Tage oder Monate für das Heiraten ungünstig. Da aus praktischen Gründen meist am Wochenende geheiratet wird, sind die Daten eingeschränkt. Die Zeremonie findet meist in einem gemieteten Saal eines Restaurants oder Kirchgemeindehauses statt. Der Hindu-Tempel ist meistens zu klein. Da im Tempel ausserdem rituelle Reinheit verlangt wird, gibt dies eine weitere Einschränkung. So gelten zum Beispiel folgende Personen als rituell unrein: alle, die Fleisch gegessen oder Alkohol getrunken haben, menstruierende Frauen, Ehepaare, deren Kind weniger als ein Monat alt ist, Trauernde für eine bestimmte Zeit. In einem neutralen Saal sind die Reinheitsvorschriften nicht so streng.

Das Brautpaar benötigt zwei Trauzeugen, vorzugsweise Eltern oder Geschwister. Zusätzlich sind während der Zeremonie je drei weitere Personen nötig. Die Gäste - in beliebiger Zahl! - treffen ein, setzen sich und erhalten etwas zum Trinken und Knabbern. Die Zeremonie beginnt ohne Braut. Die erste Pudscha (Verehrungsritual) ist für den elefantenköpfigen Gott Ganescha mit der Bitte um gutes Gelingen der Hochzeitszeremonie. Die nächste Zeremonie ist für das Götterpaar Parvati und Schiva. Die Hochzeitskette "Tali" wird gesegnet. Die Götter werden durch verzierte Kokosnüsse symbolisiert. Daneben brennt ein kleines Opferfeuer in einem speziellen Behälter.

Der Brautführer führt die Braut zum Bräutigam. Er gibt ihr den Tali und einen speziellen Hochzeitssari, den sie anschliessend anzieht. Der Tali bleibt so lange beim Priester. Beide sitzen im Manvarai, dem Hochzeitsbaldachin, während der Priester die lange dauernde Pudscha mit vielen Rezitationen durchführt. Dreimal umschreitet das Brautpaar das Opferfeuer. Anschliessend verlässt das Brautpaar den Platz der Zeremonie, setzt sich und gibt sich gegenseitig zu essen. Damit ist die eigentliche religiöse Zeremonie abgeschlossen.

Dann erhalten die Gäste das vegetarische Hochzeitsessen. Nachher beginnt die Fotosession. Alle Gäste stehen in einer Reihe, wünschen dem Brautpaar Glück, übergeben ihnen ein Couvert mit Glückwünschen und meistens auch Geld. Dabei lassen sie sich mit dem Brautpaar fotografieren.

 

Interreligiöse Partnerschaft

Etwa 85% der Tamilen sind Hindus, 10% Christen und 5% Muslime. Da in Sri Lanka seit über 20 Jahren Bürgerkrieg herrscht, hat sich die Minderheit der Tamilen eng zusammengeschlossen. Zwischen Hindus und Christen bestehen grundsätzlich keine Berührungsängste. Tamilische Hindus können ohne grössere Probleme Christen heiraten. In Sri Lanka geschieht dies öfter. Wenn beide Tamilen sind, gibt es auch keine grösseren kulturellen Unterschiede zu berücksichtigen. Da Christen ausserhalb der Kastenordnung stehen, muss auch die Kastenzugehörigkeit nicht beachtet werden. Vermittelte Ehen zwischen Hindus und Christen sind sehr selten, deshalb gibt es dann auch kaum interreligiöse Partnerschaften. Diese gibt es praktisch ausschliesslich bei Liebesheiraten.

 

Möglichkeiten der interreligiösen Heirat

Von christlicher Seite spricht grundsätzlich nichts gegen eine Heirat eines religionsverschiedenen Paares. Wenn eine Person der Römisch-katholischen Kirche angehört, braucht es einen Dispens vom Bischof. Die erste Ehe gilt immer als eine gültige Ehe, bei Getauften wie bei Ungetauften. Für getaufte Christen ist sie immer ein Sakrament, während sie bei Nichtgetauften als eine gültige «Naturehe» gilt. Wesentliche Merkmale beider Formen sind die Einheit und die Unauflöslichkeit. Bei der reformierten Kirche braucht es keinen Dispens. Einzelheiten sind mit der Gemeindepfarrerin oder dem Gemeindepfarrer zu klären.

Eine eigentliche interreligiöse Heiratsfeier ist eher eine Seltenheit und wird weder von Christen noch Hindus begrüsst. Die Mehrheit der Paare wird sich entweder für eine hinduistische oder eine christliche Trauung entscheiden. Dabei ist es sowohl in der reformierten als auch der Römisch-katholischen Kirche möglich, mit pastoralem Feingefühl in verschiedenen Graden nichtchristliche Elemente aufzunehmen. Beachtet werden muss aber, dass niemand dabei verletzt wird.

 

Christoph Peter Baumann

 

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Aktualisiert: 30.1.2006

 

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Aktualisiert: 17.10.2014

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