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Hindu-Kasten

Der Begriff

Der Begriff Kaste (portugiesisch/spanisch casta - Rasse, von lateinisch castus - rein) bezeichnet im Hinduismus die religiös begründete Gliederung der Gesellschaft. In der indischen Verfassung wurden zwar die Vorrechte des Kastensystems, aber noch keineswegs dessen tatsächlicher Einfluss beseitigt.

 

Beim „Kastensystem“ sind zwei sich ergänzende Aspekte zu berücksichtigen:

1. die Zugehörigkeit zur Varna (Sanskrit: Klasse, Stand, Farbe)

2. die Zugehörigkeit zur Jati (Sanskrit: jan, geboren werden)

 

Entstehung der Kasten (Varna)

Traditionell ist die indische Gesellschaft in vier «Kasten» gegliedert:

- Brahmanen: Priester

- Kschatriya: Krieger- und Königskaste;

- Vaischya, «Mann des Volkes»: Bauern und Handwerker;

- Schudra: die unterste Kaste (Knecht, Dienstleistender)

 

Die Entstehung der Kasten wird im Rig Veda dargestellt. Sie sollen aus einem Ur-Individuum «Puruscha» entstanden sein. Dieses Wesen wird als weltbedeckender Mann beschrieben, der sich teilte:

 

«Sein Mund ward zum Brahmanen,

seine beiden Arme wurden zum Râjanya (fürstlich, königlich; Anm. des Autors) gemacht,

seine beiden Schenkel zum Vaiscya,

aus seinen beiden Füßen entstand der Schudra.»

 

Die oberen drei Kasten gelten als «Dvija», Zweimalgeborene. Heute soll es etwa 3000 Unterkasten (Sanskrit: jati, Geburt) geben. Manche Autoren unterscheiden zwischen varna und jati, andere Autoren nehmen an, dass die Begriffe synonym verwendet werden können. Walker u.a. nehmen an, dass durch die Spaltung in neue religiöse Gruppen ("sects") Kastenlose entstanden, die dann wieder neue jatis bildeten.

 

Die Kaste ist eine auf realer Verwandtschaft basierende Gemeinschaft, in die der einzelne hinein geboren wird, die als solche anderen gleichartigen Gemeinschaften gegenübersteht und oft mit ihnen über riesige Flächen hinweg in Symbiose lebt. Wer nach dem ewigen Gesetz lebt, wird einer Berufstätigkeit nachgehen, die seiner Kaste entspricht. Wer ohne Notwendigkeit die Pflichten einer anderen Kaste ausübt, wird augenblicklich der seinigen verlustig.

Ein Kastenwechsel ist grundsätzlich nicht möglich.

Nach der Wiedergeburtslehre des Sanatana Dharma, des «ewigen Gesetzes», muss ein Mensch unzählige Existenzen durchlaufen und immer die jeweiligen Pflichten erfüllen, bis er in einer Brahmanen-Familie als Brahmane geboren wird. Diese Gesetze sind im «Manusmrti», dem «Gesetz des Manu» ausführlich beschrieben.

 

Kastenlose - «Harijan» - «Leute Gottes»

Mehrere Millionen Menschen sind unterhalb der Kasten und gelten als Kastenlose. Mahatma Gandhi brachte ihnen eine spezielle Zuneigung entgegen und bezeichnete sie als «Harijan» - «Leute Gottes». Die indische Regierung legte fest, dass eine bestimmte Quote von Studienplätzen für sie reserviert sein muss. Dies hilft leider nicht darüber hinweg, dass Kastenlose nach wie vor unter enormen Ungerechtigkeiten zu leiden haben. Kastenlose gelten als unrein in einem religiös-rituellen Sinn.

Unreinheit wird als etwas Substantielles verstanden, das einer Person oder Sache «anhaftet» und sogar durch Blicke oder Berührung mit dem Schatten eines Kastenlosen übertragen werden kann.

In erster Linie üben Kastenlose «unreine» Berufe aus wie Leichenträger, Latrinenreiniger, Lederarbeiter, Straßenkehrer usw. In den letzten Jahren wurden mehrere Fälle bekannt, wo Kastenlose umgebracht wurden, weil sie aus einem Brunnen Wasser geschöpft haben, der auch von anderen gebraucht wird.

Die Kastenzugehörigkeit ist nach hinduistischer Lehre nicht eine soziale, sondern eine religiöse Frage. Jeder Mensch wird in diejenige Kaste geboren, die er nach den Taten in seinen vorherigen Leben verdient hat. Um dem Kastenlos entrinnen zu können, konvertierten viele in früheren Jahrhunderten zum Islam, im letzten Jahrhundert zum Christentum.

Aber auch in den indischen christlichen Kirchen gibt es verschiedene Klassen entsprechend den Kasten, aus denen die Familien stammen.

 

Die Kastenfrage

Die Kastenfrage ist ein wunder Punkt Indiens. Inder lieben es nicht, darauf angesprochen zu werden. Manche der in Europa lebenden Inder streiten die Bedeutung der Kasten ab und behaupten, dass dieses Thema in der heutigen Zeit nicht mehr aktuell sei, was aber keinesfalls den Tatsachen entspricht. In Sri Lanka haben die Kasten in den letzten Jahren viel von ihrer Bedeutung eingebüßt.

In der Diaspora sind sie sogar nahezu bedeutungslos geworden. Die unsichere Situation in der Heimat und in der Fremde gibt ein Zusammengehörigkeitsgefühl über alle Unterschiede hinweg.

Allein die Brahmanen haben als Angehörige der Priesterkaste eine besondere Stellung. Sie erfüllen rituelle Aufgaben und müssen deshalb strenge Bedingungen erfüllen. (Näheres: Erfordernisse an einen schivaitischen Hindu-Priester)

Kastenkriege, wie sie in Indien immer wieder aufflackern, sind in Sri Lanka unbekannt.

 

LITERATUR

- Der Rig-Veda. Aus dem Sanskrit übersetzt und mit einem laufenden Kommentar versehen von Karl Friedrich Geldner. Harvard University Leipzig Otto Harrassowitz 1951.

- Walker Benjamin: Hindu World. An Encyclopedic Survey of Hinduism. First publ. London 1968, first Indian ed. 1983. 2 Vols. („caste“: Band 1, S. 201-207)

- Renate Preuss: Die Gesetze des Manu. Husum. 1981.

- Wendy Doniger / Brian Smith: The Laws of Manu. London. 1991.

 

LINKS

Das Kastensystem (Jürgenmeyer, Clemens ; Rösel, Jakob) (1998)

Hinduismus, Dorfstruktur und politische Herrschaft als Rahmenbedingungen der indischen Sozialordnung

 

Kaste (aus Wikipedia, Portal: Hinduismus)

 

Erfordernisse an einen schivaitischen Hindu-Priester

 

Caste in Transition (by V.G.Julie Rajan, Philadelphia) (by V.G.Julie Rajan, Philadelphia) (2003)

Education, economics and protest drive changes and reform to India's ancient societal divisions

 

The Human Being in the Eye of the Hindu

From Shaheen Emmanuel Lakhan, Harvard University. Caste System in Hindu Tradition

 

[int.Nr.:i22e103]

 

Aktualisiert: 22.10.2010

 

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