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Humor in den Religionen

Wie gehen Religionen mit Humor um?

Christoph Peter Baumann

Der Karikaturenstreit und die Frage, ob sich Religion und Humor vertragen.

Die Publikation der zwölf Karikaturen des Propheten Mohammed hat zu weltweiten Protesten geführt. Dabei stellt sich die Frage, ob sich Religionen und Humor gegenseitig ausschliessen. Sind religiöse Menschen und Muslime im speziellen humorlos? Humor hat sehr wohl ihren Platz in den Religionen. Der wichtige Unterschied ist der Umgang mit den heiligen Werten und den religiösen und kulturellen Normen. Zudem ist wichtig zu wissen, wer über wen oder was Witze macht. Wenn ein Kapuziner-Pater Witze über Kapuziner in Umlauf bringt, zeigt das kritische Selbstironie. Wenn hingegen Karikaturisten, die nicht katholisch sind, den Papst oder Nicht-Muslime Mohammed karikieren, wirken die Produkte schnell einmal plump und diffamierend. Leider gibt es keinen Gradmesser, von dem wir ablesen könnten, wo ein Witz oder eine Karikatur eingereiht werden müsste auf der Skala von 1 – «absolut unbedenklich; harmlos", über 5 – «bissig; über den Geschmack lässt sich streiten» - bis 10 – «verletzend; gehört verboten; verstösst gegen das Anti-Rassismus-Gesetz».

Christen lachen

Unzählige Bücher widmen sich dem Thema des geistlichen Humor und des klerikalen Witzes. Dabei sind es nicht etwa kirchenferne Humoristen, die sich über Themen des Christentums und der Kirchen lustig machen. Meist sind es Insider, oft die Pfarrer selbst, die Anekdoten sammeln und herausgeben. Manche Pfarrer erzählen in ihren Predigten Witze, in Pfarrblättern und Kirchenboten hat es eine Witzecke.

Im Internet gibt es auf christlichen Seiten Tausende von Witzen. Livenet, das «Internetportal von Schweizer Christen» liefert einen täglichen Witz und hat eine Witzseite. Die meisten Witze sind harmlos, viele sind selbstironisch. Es gibt kaum ein Thema des christlichen Glaubens, das nicht behandelt würde. Selbstverständlich fehlen auch nicht interkonfessionelle Sticheleien. Die geschriebenen Witze sind nicht alle gleich lustig, aber grösstenteils unbedenklich. Einige sind Wanderwitze, die zum Teil uralt und eher schon langweilig sind.

Nicht nur Worte, sondern auch Zeichnungen, Cartoons und Karikaturen geben christlichen Humor wider. Jean Effel hat in seiner «Heiteren Schöpfungsgeschichte für fröhliche Erdenbürger» unbefangen Gott, Adam und Eva, die Engel und das Leben im Paradies gezeichnet. Gott stellt er als alten Mann mit weissem Bart und Glatze dar. Obwohl Gott eher einfältig wirkt, dürften sich wahrscheinlich nicht viele Christen dadurch verletzt fühlen. Anders wäre es nicht zu erklären, dass das Büchlein seit 1965 etwa 500'000 mal verkauft wurde. Der Kirchengüggel karikiert innerkirchliches im Kirchenboten der reformierten Kirche. Alle diese Produkte können wir auf der Skala mit 1-3 einstufen.

Jiddische Witze und Schmonzes

So betitelte Alexander Drozdzynski seine Sammlung jüdischer Witze und Anekdoten. Salcia Landmann, die Altmeisterin des jüdischen Humors sammelte über Jahrzehnte Witze und auch Karikaturen aus dem jüdischen Bereich. Allen diesen Publikationen ist gemeinsam, dass Juden selbstironisch über allzu menschliches lachen. So werden die strengen Speise- oder Sabbat-Gebote augenzwinkernd betrachtet und manchmal karikiert. Oft spüren wir allerdings auch auf dem Hintergrund der Jahrhunderte von Verfolgung und Diskriminierung eher Galgenhumor als Lustigkeit. So zum Beispiel, wenn über die den Juden nachgesagte Geschäftstüchtigkeit oder die Armut der Ostjuden Witze gemacht werden. Manches mutet sogar antisemitisch an, darf aber stehen gelassen werden, da es von Juden selber geschrieben wurde. Salcia Landmann schreibt: «Der Witz der Juden ist identisch mit ihrem Mut, trotz allem weiterzuleben.»

Ist der Islam humorlos?

Auf dem Hintergrund der Diskussionen und der Ausschreitungen könnten wir diese Frage wohl leicht mit einem klaren Ja beantworten. Allerdings schiessen wir damit weit über das Ziel hinaus. In der islamischen Kultur gibt es auch Humor. Muslime sind auch Menschen wie wir. Viele haben auch das Bedürfnis, sich über Zustände, die sie nicht ändern können, lustig zu machen oder einfach zu lachen. So wie in vielen Kulturen gibt es im Maghreb eine Person, auf die vieles projiziert wird. Nasredin Hodscha ist ein Synonym für Schlitzohrigkeit und Bauernschläue. Ihm werden viele Witze und Anekdoten zugeschrieben. Viele Sufi, islamische Mystiker, benützen den Humor, um den Menschen einen Spiegel vorzuhalten. Obwohl manche Witze recht derb wirken, gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden dürfen. So sind weder Allah/Gott, noch die Propheten – Mohammed und die biblischen Propheten - Inhalt der Witze.

Aleviten, eine spezielle Richtung des Islams, leben vor allem in der Türkei. Als Minderheit leiden sie unter Diskriminierung und haben als Reaktion darauf spezielle Waffen entwickelt, nämlich die Musik und den Humor. Vergleichbar mit den Juden gibt es Sammlungen von «Bektaschi-Witzen». 99 davon sind in deutscher und türkischer Sprache gedruckt worden.

Humor in östlichen Religionen

Im Hinduismus und im Buddhismus gibt es Humor. So werden unzählige Geschichten überliefert. Manche davon wurden auch ins Deutsche übersetzt. Der Zen-Buddhismus arbeitet bei der Unterweisung auch mit zum Teil humoristischen Geschichten. Auch dem lange Jahre in der Schweiz lebenden und lehrenden Lehrer Ajahn Dhiradammo ist Humor nicht fremd. So konnte es durchaus geschehen, dass nach einer Unterweisung die Zuhörenden mit Bauchschmerzen das Lokal verliessen, weil sie so lachen mussten. Allerdings hat der Humor in diesen beiden Religionen ihre Grenzen, wo es um das ihnen jeweils Heilige geht.

Gibt es Tabus?

In den letzten 20 Jahren ist zu beobachten, dass die Schwelle bei Witzen und Karikaturen immer tiefer sinkt. In den Medien werden relativ harmlose Karikaturen über die Arche Noah und Adam und Eva publiziert. Der verstorbene Papst Johannes Paul II. wurde oft karikiert , manchmal verletzend .

Die Reaktionen vieler Muslime auf die Mohammed-Karikaturen zeigt die Spitze des Eisbergs. Wenn Nico auf einer Karikatur eine Barbie-Puppe am Kreuz montiert oder das Satiremagazin Titanic Gott beim «Schiffchen-versenken» die Titanic untergehen lässt, ist auf der Skala bald einmal der oberste Bereich erreicht. Ebenso, wenn Jesus mit dem Teufel schmusend oder mit dem Kreuz auf der Schulter an der Bar stehend dargestellt wird.

Was ein Hindu empfindet, wenn eine mehrarmige Gottheit als Gott der Steuerbeamten, oder Helmut Kohl auf einem Geldsack tanzend als «Hel-Mut Shiva-Spendati» dargestellt wird, interessiert offensichtlich niemanden. Dies sind nur zufällige Beispiele, die unendlich vermehrt werden könnten.

Es gibt keinen Bereich mehr, der den Karikaturisten heilig wäre. Es sind aber nicht nur die Karikaturisten, die immer mehr immer weniger Respekt zeigen. Die Werbung hat schon lange die Religionen als Werbeträger entdeckt. Buddha als Werbeträger? Kein Problem – wenigstens für Grafiker. Buddhisten behandeln Bilder und Statuen ihres Religionsgründers mit äusserstem Respekt. Deshalb zeugt es nicht von Feingefühl, wenn Buddha dafür missbraucht wird, um für Reisen nach Asien zu werben.

Die Hindu-Götter Schiva als Blickfang im Hanfladen oder der elefantenköpfige Gott Ganescha auf einer Tragtasche der Migros zeugen ebenso von mangelndem Respekt. Hindus fühlen sich mit Recht verletzt.

Pressefreiheit ohne Grenzen?

Die Pressefreiheit hat wie jede Freiheit dort ihre Grenzen, wo sie die Rechte anderer Menschen einschränkt. Die Freiheit, antisemitisches Gedankengut zu verbreiten, ist durch das Anti-Rassismus-Gesetz eingeschränkt und sogar unter Strafe gestellt. Sich bei der Verbreitung der eher dümmlichen Mohammed-Karikaturen auf die Pressefreiheit zu berufen zeugt von einer Verachtung religiöser Gefühle. Dass es auch im islamischen Raum Karikaturen gibt, die Christliches verspotten, macht die Sache nicht besser. Karikaturen dürfen bissig sein, aber niemals die tiefsten Gefühle von Menschen verletzen.

 

[int.Nr.:i80e1251]

 

Aktualisiert: 28.2.2009

 

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