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Erfordernisse an einen schivaitischen Hindu-Priester

 

HINDUISMUS

Der Begriff «Hinduismus» wird für eine Vielzahl von Religionen und religiösen Gruppierungen verwendet, die oft mehr Unterschiede als Gemeinsamkeiten aufweisen.

Die grosse Schwierigkeit in dieser Thematik ist die Tatsache, dass mit «Hinduismus» eigentlich zahlreiche Glaubensrichtungen bezeichnet werden, die zu einem Teil nur gerade noch das Ursprungsgebiet, den indischen Subkontinent, gemeinsam haben. Die Basis vieler hinduistischer Gruppierungen ist die - mindestens theoretische - Anerkennung der Veden (heilige Bücher) als oberste Autorität.

Der nachfolgende Text beschränkt sich auf die in Sri Lanka vorherrschende Richtung der Schivaiten (oder Schaivas), die als Hauptgott Schiva verehren.

 

DER TEMPEL

Es gibt verschiedene Weihegrade von Tempeln. Das heisst, je höher die Weihe, desto mehr religiöse Feste und Weihehandlungen dürfen durchgeführt werden.

Die höchste Stufe, die in der Diaspora möglich ist, ist ein Âlayam.

Der «Hindu Tempel Basel» in Muttenz hat diesen Status.

Ein Âlayam erfordert aber auch einen höheren religiösen Standard.

So gehört dazu, dass täglich eine Puja, Weihehandlung, durchgeführt werden muss.

Die speziellen Rituale müssen von einem Priester mit einem höheren Weihegrad (Kurukkal) ausgeübt werden.

 

ÜBER WELCHE EIGENSCHAFTEN MUSS EIN HINDU-PRIESTER VERFÜGEN

1. Der Hindu-Priester muss der richtigen Kaste angehören: Brahmane

2. Er muss eine entsprechende Ausbildung genossen haben

3. Er muss die Weihe zum Kurukkal erhalten haben

4. Er sollte den richtigen Ehestand haben: verheiratet

5. Er muss die Reinheitsvorschriften genau einhalten

 

Nachfolgend sollen die 5 Bereiche näher erläutert werden.

 

1. KASTE

 

1.1. Entstehung der Kasten (1)

Traditionell ist die indische Gesellschaft in vier «Kasten» (Sanskrit: varna, Farbe) gegliedert:

Brahmanen: Priester

Kschatriya: Krieger- und Königskaste;

Vaischya, "Mann des Volkes": Bauern und Handwerker;

Schudra: die unterste Kaste (Knecht, Dienstleistender)

 

Die Entstehung der Kasten wird im Rig Veda dargestellt. Sie sollen aus einem Ur-Individuum «Puruscha» entstanden sein. Dieses Wesen wird als weltbedeckender Mann beschrieben, der sich teilte:

 

«Sein Mund ward zum Brahmanen,

seine beiden Arme wurden zum Râjanya (fürstlich, königlich; Anm. des Autors) gemacht,

seine beiden Schenkel zum Vaiscya,

aus seinen beiden Füßen entstand der Schudra.» (2)

 

Die oberen drei Kasten gelten als «Dvija», Zweimalgeborene. Heute soll es etwa 3000 Unterkasten (Sanskrit: jati, Geburt) geben. Manche Autoren unterscheiden zwischen varna und jati, (3) andere Autoren nehmen an, dass die Begriffe synonym verwendet werden können. Walker u.a. nehmen an, dass durch die Spaltung in neue religiöse Gruppen ("sects") Kastenlose entstanden, die dann wieder neue jatis bildeten.

Die Kaste ist eine auf realer Verwandtschaft basierende Gemeinschaft, in die der einzelne hinein geboren wird, die als solche anderen gleichartigen Gemeinschaften gegenübersteht und oft mit ihnen über riesige Flächen hinweg in Symbiose lebt. Wer nach dem ewigen Gesetz lebt, wird einer Berufstätigkeit nachgehen, die seiner Kaste entspricht. Wer ohne Notwendigkeit die Pflichten einer anderen Kaste ausübt, wird augenblicklich der seinigen verlustig.

Ein Kastenwechsel ist grundsätzlich nicht möglich. Nach der Wiedergeburtslehre des Sanatana Dharma, des "ewigen Gesetzes", muss ein Mensch unzählige Existenzen durchlaufen und immer die jeweiligen Pflichten erfüllen, bis er in einer Brahmanen-Familie als Brahmane geboren wird.

 

1.2. Unterschiedliche Schichten von Brahmanen

Ein Hindu-Priester muss ein Brahmane (Tamil: Brahmin) sein, aber nicht jeder Brahmane ist ein Priester. Die Legende im Rig-Veda, dass aus dem Mund des Puruscha die Brahmanen entstanden sein sollen, zeigt, dass diese Kaste vor allem dafür prädestiniert war, die heiligen Texte zu rezitieren und zu lehren. Die Brahmanen sind in unzählige Unterkasten aufgeteilt. Eine davon ist die Drâvida der Tamilen. Diese wiederum ist geteilt.

 

Die Ayyar gelten als Brahmanen niedereren Ranges und dürfen deshalb nur an bestimmten kleinen oder unbedeutenden Tempeln Dienst tun. Ihnen ist es auch verwehrt, höhere religiöse Feste zu feiern.

 

Sharma ist eine höhere Schicht von Brahmanen. Sharma ist auch ein Familienname und zeigt so die Herkunft.

Sie dürfen viele Riten vollziehen, die den Ayyar verwehrt sind.

 

Die Kurukkal (oder Gurukkal) sind in der dravidischen Schaiva-Tradition der Tamilen die höchsten Brahmanen.

Sie dürfen, sofern sie die übrigen Bedingungen erfüllen, die höchsten Tempeldienste ausführen bis hin zur Priesterhochzeit und höheren Weihe von Priestern. Der Begriff "Kurukkal" wird doppelt verwendet. Einerseits bezeichnet er die jati, andererseits den Weihegrad eines Priesters.

 

1.3. Brahmanen: Rechte und Pflichten

Nicht jeder Brahmane ist ein Priester. In der Diaspora üben manche Priester ihr Amt nebenberuflich aus. Brahmanen können viele Berufe ausüben. Bedingt durch die Reinheitsvorschriften gibt es Einschränkungen.

 

2. AUSBILDUNG

Ein Brahmane, der in einer Priesterfamilie aufwächst, lernt schon als Knabe die ersten Grundbegriffe des Tempeldienstes. So lernt er, wie die Puja vorbereitet wird, die Schreine geschmückt und die Opfergaben vorbereitet werden.

In einem ungeraden Lebensjahr, meist mit 5, 7 oder 9 Jahren erhält der Brahmanen-Knabe in einer Zeremonie die Schnur, die ihn als "Dvija", "Zweimalgeborenen" ausweist. Diese Schnur wird jährlich einmal erneuert.

Ab diesem Zeitpunkt darf er bei der Puja einfache Dienste ausführen.

Normalerweise besucht er eine Gurukul (6) (meist in Indien), um die Rituale und die heilige Sprache Sanskrit (zumindest die Grundbegriffe) zu lernen.

Er leistet als Brahmacarya Dienst und lernt die Rituale auszuführen.

 

3. KURUKKAL

Ein Kurukkal hat die Ausbildung abgeschlossen, verfügt zudem über die nötigen Kenntnisse des Rituals, der Gelehrtensprache Sanskrit und hat die entsprechende Weihe erhalten.

Wenn er alle weiteren Bedingungen (Reinheit) erfüllt, kann er alle Rituale ausüben:

- tägliche Puja

- alle normalen Feste

- Thiruvila (das höchste Jahresfest) (7)

- Priesterweihe

- Hochzeit

- Priesterhochzeit

 

4. EHESTAND

Ein Kurukkal muss verheiratet sein. (8) Erst dann darf er alle Rituale ausführen, so auch die Hochzeit und die Priesterhochzeit.

Bei der Wahl seiner Ehefrau ist der Kurukkal eingeschränkt. Sie muss der gleichen Jati angehören. (9)

 

5. REINHEITSVORSCHRIFTEN

5.1. Reinheitsvorschriften generell (10)

Rituelle oder kultische Reinheit ist nötig, um überhaupt einen Tempel zu betreten oder eine kultische Handlung – im Tempel oder daheim – vorzunehmen.

Es muss zwischen normaler Sauberkeit und ritueller Reinheit unterschieden werden. Normale Sauberkeit

Die rituelle Reinheit kann durch naturhafte Vorgänge oder durch Kontakt mit nicht-reinen Gegenständen verloren gehen:

- Menstruation (Frau)

- Geburt eines Kindes (beide Elternteile)

- Berührung mit dem Tod:

-- Tod eines Familienangehörigen (die Dauer der Unreinheit hängt auch vom Verwandtschaftsgrad ab. Ein Sohn oder eine Tochter darf einen Monat den Tempel nicht betreten und ein Jahr an keinen religiösen Festen teilnehmen.)

-- Teilnahme an einer Abdankung

 

5.2. Vegetarismus von Hindus

5.2.1. Vegetarismus generell

Die Einstellung zum Fleischgenuss und generell dem Umgang mit Fleisch ist im Hinduismus nicht eindeutig. Nach dem 5. Kapitel des Manusmrti ist grundsätzlich der Fleischgenuss nicht verboten. Hingegen darf ein Brahmane nur in grosser Not Fleisch essen, sonst wird er in der zukünftigen Welt von den Tieren verschlungen, deren Fleisch er gegessen hat. (11)

Nach dem Tirukkural wird das Fleisch fressen (!) als verabscheuungswürdig abgelehnt. (12)

Während langer Zeit wurde Fleisch geopfert und gegessen. Vor allem dem Einfluss des Jainismus und des Buddhismus wird es zugeschrieben, dass das Fleischessen zurückgedrängt wurde. Heute bekennt sich die Mehrheit der Hindus zum Vegetarismus.

Eine spezielle Rolle spielt die Kuh. Sie gilt in ganz Indien als heiliges Tier, das keinesfalls getötet werden darf. Nach dem Mahabharata, dem grossen indischen Epos, wird erklärt, dass Fleischesser und jene, die das Schlachten von Kühen erlauben, so viele Jahre in der Hölle sein werden, wie die Kuh Haare hat. Ein Hindu muss sich schon sehr weit von seiner religiösen Kultur entfernt haben, um Rindfleisch zu essen.

Am Dienstag und Freitag (heilige Tage) essen Hindus nur Gemüse.

Die Bhagavad Gita, das heilige Buch der Vaischnavas, hat eine sehr grosse Bedeutung erlangt. Auch für tamilische Hindus ist es ein wichtiges Buch (es liegt selbstverständlich auch in tamilischer Sprache vor). Im Kapitel 9 ist aufgezählt, was Gott geopfert werden darf; Fleisch zählt nicht dazu. Weil alle Nahrungsmittel zuerst Gott dargebracht werden müssen, ist der Fleischgenuss ausgeschlossen.

Wer nach Mitternacht Fleisch gegessen hat, ist kultisch unrein und darf den Tempel nicht betreten.

Soll der Tempel besucht werden, wird aus Gründen der rituellen Reinheit auf Fleischgenuss verzichtet und jeglicher Kontakt mit Fleisch vermieden.

Jene, die doch mit Fleisch in Kontakt kommen, folgen der Puja (Gottesdienst) von ausserhalb des eigentlichen Tempelraumes durch die geöffnete Türe.

Diese Regel geht sogar soweit, dass ein Hindu, der erst nach dem Essen, resp. einer Berührung, erfährt, dass sich in dem Nahrungsmittel Tierisches (z.B. Fett) enthalten war, auf den Tempelbesuch verzichtet.

Wer am Vortag Fleisch gegessen hat, muss duschen und vor allem die Haare waschen.

 

5.2.2. Priester und Fleisch

Ein Priester muss sich immer an vegetarische Ernährung halten und auf den Genuss von Fleisch, Fisch und Ei verzichten.

Alles, was mit toten Tieren zu tun hat, gilt als unrein, deshalb muss es ein Brahmane meiden. (13)

Jegliche Berührung mit Teilen eines getöteten oder verendeten Tieres verunreinigt rituell.

Durch die Beschäftigung mit Fleisch sinkt ein Brahmane augenblicklich auf den Stand eines Schudra. (14) Das heisst, er darf weder in einem Restaurant mit Fleisch arbeiten, noch in einem Lebensmittelgeschäft Fleisch verkaufen.

 

5.3. Alkohol, Rauchen und andere Drogen

Für Priester sind alle Drogen, also auch Rauchen und Alkohol, strikt verboten. (15)

 

5.4. Handel mit rituell Unreinem

Ein Brahmane/Priester darf nie mit Fleisch (16) oder Alkohol handeln, sonst fällt er augenblicklich auf den Stand eines Schudra, die niedrigste Kaste.

In der Diasporasituation ist es sehr schwierig, diese Regeln einzuhalten. Für gläubige Hindus sind sie aber existentiell wichtig.

Viele der sogenannten Priester in der Diaspora sind streng genommen keine Brahmanen mehr und könnten auch nicht mehr als Priester wirken.

 

FAZIT

Damit ein Priester die Ansprüche erfüllen kann, die er für die spirituelle Leitung eines Âlayam benötigt, muss er folgende Bedingungen erfüllen:

- Er ist ein Brahmane, welcher der richtigen Jati angehört.

- Er muss ein Kurukkal (nicht nur Sharma oder Ayyar) mit der entsprechenden Ausbildung und Weihe sein.

- Er muss verheiratet sein.

- Er muss alle Reinheitsvorschriften einhalten.

- Er darf niemals mit rituell Unreinem handeln oder gehandelt haben.

 

LITERATUR

Tiruvalluvar: Tirukkural. Ins Deutsche übertragen von Uwe Beissert. Hrsg. Projekt Ohm (AUM) Basel 1990.

Satguru Sivaya Subramuniyaswami: Dancing with Siva. Hinduism's contemporary catechism. Himalayan Academy India, USA, 4.ed. 1993

Renate Preuss: Die Gesetze des Manu. Husum. 1981.

Shastri: Manusmrti. With the Sanskrit Commentary Manvartha-Muktavali of Kalluka Bhatta. Delhi. 1983.

Max Müller: The Sacred Books of the East. Volume XXV. The Laws of Manu. Translated with extracts from seven commentaries by G. Bühler. Delhi. 1986.

Wendy Doniger / Brian Smith: The Laws of Manu. London. 1991.

Karl Friedrich Geldner (Übers.): Der Rig-Veda. Aus dem Sanskrit übersetzt und mit einem laufenden Kommentar versehen von Karl Friedrich Geldner. Harvard University. Leipzig Otto Harrassowitz 1951. 4 Bände.

Walker Benjamin: Hindu World. An Encyclopedic Survey of Hinduism. First publ. London 1968, first Indian ed. 1983. 2 Vols.

 

INTERNET

http://www.hinduismtoday.com/

http://www.himalayanacademy.com/basics/

http://www.shaivam.org/

«Kastensystem» (Wikipedia)

«Caste System in Hindu Tradition»

 

 

ANMERKUNGEN:

(1) Hinduismus. Farbfolien und Erläuterungen. Eine Einführung in Religionsgeschichte, Kultur und Brauchtum. Autoren: Christoph Peter Baumann / Christian Hackbarth-Johnson. Regensburg 1999. S. 82 ff.

(2) Rig Veda: 10.90.12

(3) so zum Beispiel in Wikipedia.

(4) so Walker in Hindu World, Band 1, S. 202

(5) 1‘800 laut Walker, S. 168

(6) Gurukul (Wikipedia)

(7) Hinduismus: Kalender

(8) Subramuniyaswami, S.319

(9) Manusmrti 3, 13; 3, 17

(10) siehe dazu: "Purification", in: Walker, Vol.I, S.258-261

(11) Manusmrti 5,33

(12) Tirukkural I, 26

(13) Manusmrti 10, 84

(14) Manusmrti 10, 92

(15) Tirukkural II, 93: 926

(16) Manusmrti 10, 88

 

Zusammengestellt von Christoph Peter Baumann, Religionswissenschafter und Indologe. Leiter von INFOREL, Information Religion.

 

[int.Nr.:i22e102]

 

Aktualisiert: 30.5.2006

 

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