| |||||||||||||||||||||||||
|
«Zwischen allen Stühlen. Religionswissenschaftliche Informationsarbeit im Rahmen der neuen Religionsvielfalt der Schweiz» Vortrag von Prof. M. Baumann
Eröffnung der Ausstellung "Weltreligionen" anlässlich der Feier "20 Jahre Inforel" Basel, 13. Februar 2007; Inforel
Martin Baumann
Die Religionslandschaft in der Schweiz ist in den vergangenen 30 Jahren plural und vielfältig geworden. In vielen grösseren Städten der Schweiz finden wir Vereine und Zentren von muslimischen, jüdischen, buddhistischen, hinduistischen Traditionen, von den Baha'i, von neuen Religionen wie Scientology, Wicca, TM. Der Bereich von Esoterik und alternativer Spiritualität ist stark im Wachsen, Kurse, Bücher und Beratungen aller Art sind hier quasi die "Orte" dieser Form von Religiosität. Und natürlich ist für die Schweiz grundlegend wichtig der Bereich der vielen verschiedenen Christentümer. Der innerchristliche Pluralismus ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen, neben den Grosskirchen der römisch-katholischen Kirche und den evangelisch-reformierten Kirchen findet sich ein breites Spektrum von Freikirchen, pfingstlerischen, evangelikalen und orthodoxen Kirchen ebenso so genannte christliche "Sondergruppen" wie die Zeugen Jehovas, 'Mormonen', Adventisten und Apostolische Gemeinden.
Jüngere Studien haben diese neue Vielfalt gezählt: Claude-Alain Humbert dokumentierte 2004 in seinem Religionsführer Zürich 370 Kirchen, Zentren und Bewegungen. Für Basel hat Inforel und das Team um Christoph Peter Baumann die Religionslandschaft der zwei Halbkantone erhoben. Auch hier findet sich ein ausgesprochen breites Spektrum, um die 400 Kirchen, Gruppen und Bewegungen wurden ausfindig gemacht und dokumentiert. Und quasi wöchentlich kommen neue Zentren und Gemeinschaften hinzu, bestehende verändern sich, einige gehen auch ein, verschwinden wieder.
Das Webportal von Inforel unter www.inforel.ch gibt einen klaren und fundierten Überblick; es ermöglicht einen schnellen Zugriff auf Religionen von Aleviten bis Zeugen Jehovas, von Bapisten bis Waldenser. Die Seite verzeichnet pro Monat über 10'000 Zugriffe - ein beeindruckender Nachweis, dass ein grosses Interesse an unabhängigen Informationen über Religionen und religiösen Gruppen besteht. Wichtig bei dieser Informationsarbeit ist, dass hier über alle Gruppierungen und Organisationen informiert wird. Es wird also in ähnlicher Weise und ähnlichem Aufbau über die reformierten Kirchen berichtet wie über Scientology oder die Raelianer. Zu dem verunglimpfenden Begriff der "Sekte", welcher Gruppierungen sogleich "abstempelt" und in eine ganz bestimmte Ecke stellt, hat Inforel ausführliche Erläuterungen gegeben; ich brauche sie in dem Kreis hier nicht zu wiederholen.
Ich komme damit auf die Notwendigkeit und Wichtigkeit religionswissenschaftlicher Informationsarbeit im Rahmen der neuen Religionsvielfalt der Schweiz zu sprechen: Grundlegend wichtig ist, das die bereit gestellten Informationen zu aller erst einmal sachlich beschreiben und berichten. Sie sollen informieren, und nicht gleich schon interpretieren und werten und damit mehr oder weniger offen ein Urteil abgeben. Religionswissenschaftliche Information ist dem Anspruch nach nicht wertend und ergreift nicht für diese Interessen oder für jene Religionen Partei. Sicherlich kann auch religionswissenschaftliche Arbeit und Information nicht "neutral" und "objektiv" sein. Stets wird unweigerlich allein durch die Auswahl und die Beschreibung schon Bestimmtes hervorgehoben und anderes vernachlässigt. Aber die Intention, die Absicht zielt darauf ab, zuerst die nachvollziehbaren Fakten zu sammeln und möglichst unvoreingenommen wiederzugeben. Das eigene Vorgehen, die Methode, sollte dabei stets selbstkritisch geprüft werden. Religionswissenschaftliche Informationsarbeit ist, ich möchte es fussballerisch umschreiben, um "Fairness" für alle bemüht, und beschreibt und analysiert alle Beteiligten nach den gleichen Regeln. Sicherlich gibt es "grosse Vereine" mit langer Tradition, grossen Stadien und viel Geld und manch ein Beobachter wundert sich, warum nicht auch bei diesen "Vereinen" kritisch nachgefragt wird, wie es mit dem Absolutheitsanspruch steht, ob eine Person das letzte und absolut verbindliche Wort inne hat und wohin die Gelder fliessen. Solche Fragen, die der "Kriterienliste" von Inforel entnommen sind und schnell zu kritischen Anfragen werden, scheinen jedoch ohne grosse Bedenken bei kleinen und noch jungen "Vereinen" berechtigt. Aus religionswissenschaftlicher Perspektive gibt es keine guten Gründe, bei einigen Vereinen, sprich Religionen, bestimmte Fragen nicht zu stellen, sie bei anderen Religionen und neuen Bewegungen jedoch stets und ständig als erste anzuführen. Religionswissenschaftliche Arbeit kann auch kritische Arbeit sein, wobei jedoch die Regeln und Ansprüche für alle Beteiligten gleich sein sollten, zumindest der Intention nach.
Religionswissenschaftler und Religionswissenschaftlerinnen sitzen hier quasi zwischen allen Stühlen. Sie vertreten nicht die Interessen von irgendwelchen oder von bestimmten Religionen; sie vertreten auch keine interreligiösen Interessen oder sind Koordinatoren für den interreligiösen Dialog. In diese Ecke werden sie nur zu schnell aufgrund ihrer Kompetenz, ihres Wissens über viele unterschiedliche Religionen gedrängt bzw. gestellt. Der interreligiöse Dialog ist vielmehr selbst ein Untersuchungsgegenstand für religionswissenschaftliche Forschung. Es ist ja schon hochinteressant und viel sagend, wer bei interreligiösen Dialogabenden auftreten und wer in interreligiösen Kreisen mitsprechen darf - und wer nicht!
Schönstes und derzeit prägnantestes Beispiel für die Schwierigkeiten, denen sich interreligiöse Kreise und Initiativen gegenübersehen, ist der "Schweizerische Rat der Religionen". Er wurde im Mai 2006auf Initiative des evangelischen Pfarrers Thomas Wipf gegründet. In der im Januar 2007 erschienenen verdienstvollen Publikation der Pastoralkommission der Schweizer Bischofskonferenz, dem Verzeichnis "Initiativen und Organisationen des interreligiösen Dialogs in der Schweiz" (St. Gallen 2007), wird dieser "Rat" gleich als erster angeführt. Auffallend ist nun: Es sitzen nur Männer in dem sechsköpfigen Gremium, keine Frauen. Und es sind nur drei Religionen vertreten, jüdische, christliche und islamische Traditionen. Angesichts der grossen Vielzahl von Religionen in der Schweiz verwundert, warum nicht mehr Religionen und Vertreter beteiligt sind - oder besser gesagt: beteiligt sein durften und zugelassen wurden. Solche selbstmandatierten Gremien und ihre "Vertreter" können schnell auch ein Mittel und Instrument sein, alte, allmählich im Schwinden begriffene Machtpositionen zu retten und sich selbst als Ansprechpartner für Behörden und Politiker anzudienen. Aber die Verdienste des Rates und vieler anderer Initiativen sollen nicht geschmälert werden, vielmehr möchte ich mit der Tatsache, dass in solchen Foren zumeist nur eine gewisse kleine Anzahl von Religionen vertreten ist, zum Abschluss zu der hier gefeierten Eröffnung der Ausstellung "Weltreligionen" überleiten.
Eine solche Ausstellung über so genannte Weltreligionen ist verdienstvoll und die Initiative verdient unsere Anerkennung. Den Initiatoren und Mitarbeitern, allen voran Heiner Peter und Christoph Peter Baumann, sei an dieser Stelle für ihr Engagement und ihren Einsatz herzlich gedankt. Als Religionswissenschaftler kann ich mir eine Anmerkung zum Begriff der "Weltreligionen" jedoch nicht versagen. Der Begriff "Weltreligionen" verspricht, vermeintlich nicht wertend und unvoreingenommen über eine Anzahl von Religionen zu sprechen. Doch auch hier, ähnlich wie beim "Rat der Religionen", wird deutlich, dass nicht jede Religion, die weltweit verbreitet ist und eine durchaus grosse Zahl von Mitgliedern aufweist, das Positivlabel "Weltreligion" erhält. Warum tun sich viele so schwer, etwa die Baha'i, die Sikh, die Mormonen, neue Religionen wie Scientology, die Vereinigungskirche, die Zeugen Jehovas, Raelianer oder die Heilsarmee als "Weltreligion" zu bezeichnen? Sie sind global verbreitet, man kann bei ihnen eintreten und wieder austreten, sie verkünden Botschaften für die ganze Welt und vieles mehr. Offensichtlich trägt der Begriff "Weltreligion" eine uneingestandene Wertung mit sich und manchen Religionen wird zugestanden, in den "erlauchten Kreis" dieser Religionen aufgenommen zu werden, vielen ist die Zuschreibung verwährt. Der Zugang zu dem Kreis ist offensichtlich kontrolliert.
Geschichtlich ersetzt der Begriff "Weltreligion" die alte und sehr wertende Unterscheidung von "Hochreligionen" und "Heiden". "Hochreligionen" waren die monotheistischen Religionen, die über ein religiöses Buch verfügten, über eine aufgezeichnete Geschichte und ein "hohe" ethische Ansprüche verkündeten. Alle andern waren "Heiden". Frühere Weltsicht in Europa kannte eigentlich nur vier "Religionen": Die Juden, die so bezeichneten "Mohammedaner", die Christen und die Paganen, die Heiden. Letzter waren zu missionieren und ihnen die "Frohe Botschaft" zu bringen.
Diese Wertigkeit schwingt leider sehr deutlich auch heute noch in dem Begriff "Weltreligion" mit. Und auch die Anzahl, wie viele Religionen nun als "Weltreligionen" gelten, lässt aufhorchen: Gerne wird von den "Grossen Fünf" gesprochen, von Judentum, Christentum, Islam, Hinduismus und Buddhismus. Jedoch war es lange Zeit nicht möglich, als Konvertit dem Judentum oder einer der Hindu-Traditionen beizutreten. Man musste als Hindu oder Jude geboren sein, um vollgültiges Mitglied der Religion sein zu können. Strickt genommen wird es so fraglich, diese zwei Religionen mit zu den "Weltreligionen" zu zählen.
Die Zahl fünf - "the Big Five" - erinnert mich unweigerlich an eine Konferenz in Südafrika im Jahr 2000. Dort konnte man nach der Konferenz ein grosses Tierreservat besuchen, um die "Big Five of South Africa" zu bestaunen: Giraffen, Löwen, Nashörner, Gnus und Elefanten. Auch hier ist zu fragen, warum nicht auch die Leoparden, Geparden, Zebras, Antilopen, Erdmännchen, Affen, Strausse, Vögel und viele mehr von Interesse seien. Überdies bekommt man diese wesentlich leichter als einige der "Big Five" zu Gesicht.
Der Begriff "Weltreligionen" trägt eine Reihe Probleme in sich und mit sich. Zur Vermittlung, dass bei "Religion" nicht lediglich über das Christentum, sondern auch über weitere Religionen gesprochen wird, ist er aus pragmatischer Sicht anwendbar. Religionswissenschaftlich brauchbar ist er jedoch nicht: Er schliesst zu viele "berechtigte" Religionen aus und lässt die Ausgeschlossenen als quasi "Religionen zweiter Klasse" erscheinen. Eine Gleichbehandlung und "Fairness" beinhaltet der Begriff nicht. Vielleicht ist es am einfachsten, von "Religionen" im Plural zu reden. Dieses wird der neuen Vielfalt religiöser Traditionen in der Schweiz (und darüber hinaus) gerechter. Religionswissenschaftliche Informationsarbeit besteht eben auch daraus, auf solche versteckten Wertungen und Machtgefüge hinzuweisen - und nach Möglichkeit auf "faire" Wege eines respektvollen Umgangs miteinander und untereinander hinzuweisen.
Ich freue mich, dass mit 20 Jahren Inforel und mit der hier zu eröffnenden Wanderausstellung zu nicht nur fünf, sondern acht der hunderten von Religionen konstruktive Schritte in diese Richtung getan worden sind. Herzlichen Dank für das Engagement und für Ihre Aufmerksamkeit.
13. Februar 2007
Prof.Dr. Martin Baumann. Professor für Religionswissenschaft an der Universität Luzern.
Er ist Wissenschaftlicher Beirat von INFOREL
[int.Nr.:i1271e804]
Aktualisiert: 20.2.2007
Für einen direkten Link auf diese Seite genügen diese Angaben:
© INFOREL, Information Religion, Postfach, 4009 Basel. Veröffentlichung nur mit schriftlicher Erlaubnis! |
||||||||||||||||||||||||
| Powered by kirche online, Typo3 | |||||||||||||||||||||||||