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Ein Gespräch zu «Verhüllung – Die Burka-Debatte in der Schweiz»

Am 7. März stimmt die Schweizer Stimmbevölkerung unter anderem über die Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot» ab. Sie verlangt, dass «in der Schweiz niemand sein Gesicht verhüllen darf». Im Fokus der Diskussionen im Vorfeld der Abstimmung steht besonders eine religiös begründete Vollverhüllung. Doch wie steht es überhaupt um diese Praxis in der Schweiz? Welche Fakten finden sich dazu?

Solchen Fragen widmeten sich im Frühjahr 2020 der Islamwissenschaftler Andreas Tunger-Zanetti und Studierende an der Universität Luzern in einem Seminar. Im Januar 2021, rund zwei Monate vor der Abstimmung, ist nun die Publikation «Verhüllung – Die Burka-Debatte in der Schweiz» im Verlag Hier und Jetzt erschienen, welche die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dieser Beschäftigung präsentiert. Tunger-Zanetti forscht seit 2007 zum Thema Islam in der Schweiz. Er stellt fest, dass bereits Bezeichnungen wie «Burka-Debatte» und «Burka-Verbot» Anzeichen dafür sind, dass es in der aktuellen Diskussion um das Verhüllungsverbot nicht unbedingt um Fakten gehe. Denn Fakt ist, dass Frauen, die sich in der Schweiz vollverhüllen, nicht eine Burka, sondern einen Nikab tragen.

Das Ziel der Beschäftigung mit dem Thema sei es gewesen, ein «aktuelles Überblicksbild» über das Feld der Schweizer Nikab-Trägerinnen zu erstellen, schreibt Tunger-Zanetti in online veröffentlichten Anmerkungen zum Buch. Zu diesem Überblicksbild gehört die Feststellung, dass das Tragen eines Nikab in der Schweiz ein Randphänomen ist. «Für unsere Erhebung haben wir muslimische Schlüsselpersonen und islamische Verbände in der ganzen Schweiz kontaktiert. Dabei sind wir zum Schluss gekommen, dass es zwischen 21 und 37 Frauen sein müssen, die sich in der Schweiz vollverhüllen», so Mitautorin Cornelia Niggli.

Neben der Untersuchung der islamischen Vollverhüllungspraxis in der Schweiz haben die AutorInnen auch den medialen Diskurs unter die Lupe genommen, wozu sie ausgewählte Artikel und eine Fernsehsendung analysiert haben. «Auffallend bei der aktuellen medialen Debatte ist, dass es kaum mehr um Religionsfreiheit geht, wenn über die Vollverhüllung gesprochen wird», erklärt Cornelia Niggli. Das sei ein grosser Unterschied zur Diskussion im Vorfeld der Abstimmung über das Minarett-Verbot im Jahr 2009. Aktuell stünden eher Aspekte wie Sicherheit oder Gleichstellung im Vordergrund.

«Zudem kommen kaum Direktbetroffene, also Nikab-Trägerinnen, in der Debatte zu Wort», erklärt sie. Insbesondere nach dem Tod von Nora Illi, der Frauenbeauftragten des Islamischen Zentralrats, im Frühjahr 2020. In den Jahren zuvor war sie die prominenteste Nikab-Trägerin in den Medien. Dass medial allerdings nur selten vollverhüllte Frauen zu Wort kämen, habe wohl auch mit der Natur der Sache zu tun, ergänzt Cornelia Niggli, denn viele dieser Frauen würden eine solche Öffentlichkeit nicht suchen.

Umso wichtiger wäre es, dass in den Medien kompetent über die Fakten gesprochen wird. Die publizierte Analyse zeigt allerdings auch, dass in der Schweizer Medienlandschaft nur wenig Expertise vorhanden ist, wenn es ums Thema Religion geht. Ein Beispiel dafür ist die bereits erwähnte Ungenauigkeit bezüglich der Unterscheidung von Burka und Nikab. «In den letzten Wochen hat sich genau dieser Punkt allerdings verbessert und ich stelle fest, dass häufiger differenziert wird», so Cornelia Niggli.

Es bleibt zu hoffen, dass «Verhüllung – Die Burka-Debatte in der Schweiz» auch noch in anderen Punkten zu einer konstruktiven Diskussion beitragen kann. Natürlich liegt es auf der Hand, dass Expertise nicht zuletzt auch eine Ressourcenfrage ist. Gerade bei einer Abstimmung über eine mögliche Verfassungsänderung zeigt sich allerdings in aller Deutlichkeit, wie dringend sie benötigt wird.

Zur Volksinitiative «Ja zum Verhüllungsverbot»

Frauen-Komitte «Nein zur Burka-Initiative»

«Ja zum Verhüllungsverbot»

[int.Nr.:i1271e5001488]

Aktualisiert: 17.02.2021

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