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«Ich darf das, ich bin Jude»

Was ist die Kunst des jüdischen Witzes? Und wo sind die Grenzen des Humors?
Ein Interview mit Prof. Erik Petry anlässlich der Woche der Religionen zum Thema «Humor und Religion».

Interview
mit Prof. Erik Petry, Autor des Artikels «Ich darf das, ich bin Jude.» im Sammelband «Blasphemie. Anspruch und Widerstreit in Religionskonflikten.»

Interview zum jüdischen Witz

Das Interview ist das zweite in einer INFOREL Interview-Serie, die mit AutorInnen des Sammelbands «Blasphemie. Anspruch und Widerstreit in Religionskonflikten» geführt wird. Die Serie soll einen Einblick in interdisziplinäre Reflexionen und Debatten zu Religion in der heutigen Welt bieten. Passend zu unserem Interview unterhält sich Erik Petry in einer Gesprächsrunde am Ende der «Woche der Religionen» über «Humor im Judentum: Von Scholem Alejchem bis heute». Der Anlass findet am 13. November 2022 statt.


INFOREL: Herr Petry, in Ihrem Artikel «Ich darf das, ich bin Jude.» im Sammelband sprechen Sie vom jüdischen Witz vs. dem Judenwitz – was ist der Unterschied?

Erik Petry: Ein jüdischer Witz ist für mich in erster Linie ein intelligentes Spiel mit Sprache. Es ist ein Spiel mit den kleinen Schwächen einer Person, ohne aber jemals eine Person oder Kultur ins Lächerliche zu ziehen.
Sobald ein [vermeintlicher] Witz brutal ist, auf eine Person einschlägt, ist es kein jüdischer Witz mehr, sondern Klamauk. Das ist der Unterschied zum sogenannten Judenwitz, der eine Blossstellung des jüdischen Volkes – seit dem Zweiten Weltkrieg zumeist mit Bezug zum Holocaust oder zu antisemitischen Vorurteilen gegen jüdische Personen – darstellt.

Sie schreiben auch über den unechten jüdischen Witz – können Sie das genauer erklären?

Bei einem unechten jüdischen Witz geht es in der Pointe des Witzes nicht um Eigenschaften, die aus dem jüdischen Kontext stammen. Die Figur des «Juden» wird lediglich genutzt, um einen «Fremden» zu haben, der [vermeintlich] von aussen auf die Schwäche der eigenen Kultur hinweist, um damit einen Witz herauszuarbeiten.

Die Figur des «Juden» wird in unechten jüdischen und Judenwitzen also genutzt, um einerseits das jüdische Volk als «die Anderen» auszumachen und andererseits sich selbst als homogene Gruppe in Gegenüberstellung darzustellen?

Ja. Es wird eine Gegenidentität zur jüdischen Identität gebildet. In jüdischen Witzen wird hingegen mit dieser jüdischen Identität gearbeitet: Die US-amerikanische Komikerin Sarah Silverman z.B. macht durchaus auch Witze über Tabuthemen wie den Holocaust. Sie begründet dies aber mit ihrer eigenen Identität als Kind von Shoah-Überlebenden – «Positionality» ist also aus der Debatte nicht wegzudenken, die Person kann nie ganz vom Witz gelöst werden.

Ein schönes Beispiel für mich ist dieser jüdische Witz:
Kommt ein Mann nach Wien ins Kaffeehaus. Er ruft den Ober: «Bringen Sie mir bitte den ‘Völkischen Beobachter’ und einen Kaffee.» – «Hören Sie, den ‘Völkischen Beobachter‘ gibt es nicht mehr.» Der Mann nickt. Am nächsten Tag kommt er wieder in das gleiche Kaffeehaus und bittet den Ober abermals um den ‘Völkischen Beobachter’ und einen Kaffee. Er bekommt wieder zur Antwort, dass es den ‘Völkischen Beobachter’ nicht mehr gibt. Am dritten Tag fragt der Mann den Ober ein weiteres Mal: «Bringen Sie mir bitte den ‘Völkischen Beobachter’ und einen Kaffee.» – «Mein Herr, ich habe Ihnen schon zwei Mal gesagt, dass es den ‘Völkischen Beobachter’ nicht mehr gibt.» Sagt der Mann: «Ich weiss, aber ich kann das nicht oft genug hören.»

Der oder die AutorIn bzw. ErzählerIn eines Witzes spielt also eine Rolle. Wie sieht es denn mit dem Medium des jüdischen Witzes aus?

Jüdische Witze sind häufig am besten, wenn sie erzählt werden, also mündlich weitergegeben werden. Dazu muss man erwähnen, dass die jiddische Sprache eine grosse Rolle bei der Entstehung des jüdischen Witzes spielte. Sie eignet sich besonders gut für Humor. Jiddisch wurde vor allem in Osteuropas Schteteln gesprochen und war für Jüdinnen und Juden die Umgangssprache. Für Gottesdienste wurde das Hebräische gebraucht. Das osteuropäische Jiddisch wurde im westlichen Judentum oft eher abschätzig als «Jargon» bezeichnet, und von MigrantInnen möglichst bald abgelegt. Im jüdischen Witz, aber auch im antisemitischen Judenwitz, hat es sich jedoch als kultureller Marker gehalten.

Wer darf denn nun Witze über Juden und Jüdinnen machen?

Ich versuche es mal so zu formulieren: «Über einen jüdischen Witz darf jeder lachen, einen Judenwitz darf keiner machen.»
Man muss darüber hinaus sehen, dass es einen gesellschaftlichen Wandel davon gibt, was als humorvoll gesehen wird. Wo früher homophobe – oft Hand in Hand mit Judenwitzen, weil das Lächerlich-Machen von Minderheiten als lustig empfunden wurde – und frauenfeindliche Witze gang und gäbe waren, wird das heute vom Publikum nicht mehr goutiert. Der Holocaust als Ganzes stellt aber einen Zivilisationsbruch dar, der den Umgang mit Witzen über jüdische Personen nicht mehr gleich wie noch in den 20er Jahren zulässt.

Zur Person

Erik Petry
Geboren 1961; Wissenschaftlicher Mitarbeiter/Stellvertretender Leiter des Zentrums für Jüdische Studien an der Theologischen Fakultät und der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel.

Zum Sammelband Blasphemie

Der Sammelband «Blasphemie. Anspruch und Widerstreit in Religionskonflikten.» wurde 2020 bei Mohr Siebeck als erster Band der Reihe Religion: Debatten und Reflexionen (RDR) veröffentlicht und herausgegeben von Matthias D. Wüthrich, Matthias Gockel und Jürgen Mohn.

Das Buch ist «Open Access», also online frei zugänglich.

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Flyer zum Sammelband Blasphemie
(PDF)
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