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Rassismuskritisch, selbstbestimmt & selbstkritisch – Muslim:innen sprechen über ihr Leben in Basel

Was passiert, wenn ein Islamberater aus Bayern mit dem Vorstand der Basler Muslimkommission und der Verwaltung Basel-Stadt in einen gemeinsamen Lernprozess gehen?

Reportage

Was passiert, wenn ein Islamberater aus Bayern mit dem Vorstand der Basler Muslimkommission und der Verwaltung Basel-Stadt in einen gemeinsamen Lernprozess gehen? Sie haben mit Erschrecken festgestellt, dass sich Muslime in Bayern und Österreich meist mehr von der Gesellschaft akzeptiert fühlen als die Basler Muslim:innen. In Sachen gesellschaftlichen Zusammenhalt ist also noch Luft nach oben; das «Brücken bauen Projekt» ein erster Schritt.

Am 12. Februar 2026 besuchten rund 100 Gäste eine Podiumsdiskussion in der Markthalle Basel, die sich mit muslimischer Teilhabe und gesellschaftlichem Zusammenhalt befasste. Die Veranstaltung wurde von der Fachstelle Integration und Diversität Basel-Stadt in Partnerschaft mit der Basler Muslimischen Kommission (BMK) und in Kooperation mit der Islamberatung Bayern organisiert.

Der Abend stellte das Ergebnis eines transnationalen Projekts vor, das den Austausch zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz über kommunale Ansätze zu islambezogenen Themen fördert: „Brücken bauen in der Kommune – Muslimische Teilhabe und gesellschaftliches Zusammenleben im DACH-Raum“. Die Islamberatung Bayern bringt Expertise und Instrumente aus früheren kommunalen Projekten ein und unterstützt die teilnehmenden Städte beim Aufbau inklusiver Verwaltungsstrukturen.

Teil der Stadtgesellschaft

Eröffnet wurde der Abend von Conradin Cramer, dem Präsidenten des Kantons Basel-Stadt. Er betonte, dass ein volles Haus während der Basler Karnevalszeit bereits ein starkes Zeichen für das öffentliche Interesse sei. Für Cramer ist muslimisches Leben ein integraler Bestandteil der Stadt.

Volker Nüske von der Robert Bosch Stiftung, die solche lokale Initiativen und grenzüberschreitende Zusammenarbeit fördert, hob hervor, wie wichtig es sei, mit muslimischen Gemeinschaften zusammenzuarbeiten, anstatt sie lediglich in Debatten zu erwähnen, in denen sie oft nicht vertreten sind.

Neue Broschüre: „Muslimisch leben in Basel“

Im Mittelpunkt des Abends stand die neu erschienene Broschüre „Muslimisch leben in Basel“, die vom BMK in Zusammenarbeit mit der Islamberatung Bayern entwickelt und von Beyza Nur Bal und Zeynep Karatekin, vom Vorstand der BMK, verfasst wurde. Die Broschüre zeichnet ein differenziertes und selbstbestimmtes Bild des muslimischen Lebens in Basel. Sie dokumentiert Fragen der rechtlichen Anerkennung, den Zugang zur Seelsorge, die Bestattungsinfrastruktur, Diskriminierungserfahrungen sowie die sozialen, kulturellen und bürgerschaftlichen Beiträge muslimischer Gemeinschaften. Die Broschüre zeigt ausserdem auch selbstkritische und selbstreflexive Tönen.

Die Podiumsgäste scheuen nicht vor konstruktivem Streit

Die von Karima Zehnder moderierte Podiumsdiskussion vereinte ein breites Spektrum an Stimmen: Barbara Heer (Großrätin SP Basel-Stadt), Marc Schinzel (Landrat FDP Basel-Landschaft), Yavuz Tasoglu (Basler Muslim Kommission), Hussein Hamdan (Islamberatung Bayern) und Claudia Hoffmann (Religionskoordinatorin Basel-Stadt).

Barbara Heers räumte ein, dass in der Politik oft über Muslime gesprochen werde, anstatt mit ihnen, und lobte die Broschüre dafür, dass sie die bedeutenden ehrenamtlichen Beiträge innerhalb muslimischer Gemeinschaften hervorhebe. Sie warnte, dass Massnahmen wie Kopftuchverbote, insbesondere jene, die von der SVP propagiert werden, Ausgrenzung verstärken, anstatt Gleichberechtigung zu fördern.

Auch Marc Schinzel beschrieb die Polarisierung der öffentlichen Debatte, insbesondere online, wo Feindseligkeit und Stereotypen verstärkt werden. Er betonte den Wert von Plattformen wie diesem Abend, die direkte Begegnung und einen konstruktiven Dialog ermöglichen.

Yavuz Tasoglu vom Vorstand der Basler Muslim Kommission erklärte, dass die Erfahrungen von Ausgrenzung unterschiedlich ausfallen: Muslimische Männer stossen oft auf weniger sichtbare Barrieren, während muslimische Frauen, insbesondere jene mit Kopftuch, häufig als fremd wahrgenommen werden, was spürbare Folgen für ihre berufliche und gesellschaftliche Teilhabe hat. Der Einsatz gegen antimuslimischen Rassismus sei daher von grösster Not. Er plädiert wertebasierten Ansatzes und zitierte Beat Jans: „Der Islam als Religion und ihr als Muslime gehören zur Schweiz.“

Tasoglu schätze Diskussionen, bei denen es auch manchmal hitzig werden darf, wenn es respektvoll und konstruktiv bleibt. Er hob hier die gute Zusammenarbeit mit den kommunalen Behörden durch Initiativen wie den Runden Tisch der Religionen, wies aber gleichzeitig auf bestehende Herausforderungen hin, darunter Verzögerungen beim Bau der Friedhofsinfrastruktur und die unzureichende Bereitstellung von provisorischen Waschräumen für rituelle Waschungen. Ausserdem erschreckte ihn die Erkenntnis, dass sehr viele Basler Muslime sich nicht von der Gesellschaft in Basel anerkannt fühlen – vor allem im Vergleich zu den österreichischen und deutschen Stimmen, die er durch das «Brücken bauen Projekt» kennengelernt hat. Trotzdem blickt Tasoglu optimistisch nach vorn. Er freue sich über die wachsende Unterstützung für die kantonale, sogenannte «kleine Anerkennung» als Religionsgemeinschaft – eine Entwicklung, die vor zehn Jahren so noch nicht denkbar gewesen sei. «Die Debatte ist das, was zählt», sagt er – denn sie zeige, dass sich etwas bewege.

Claudia Hoffmann, Religionskoordinatorin Basel-Stadt, hob das ausserordentliche ehrenamtliche Engagement junger Musliminnen (absichtlich nicht gegendert) und ihre Energie in Gemeindeprojekten hervor. Sie merkte an, dass ihre Beiträge in den Medien und im öffentlichen Diskurs oft unsichtbar bleiben. Sie fand deutliche Worte dafür, dass wenn Muslim:innen nicht öffentlich für sich einstehen und Allianzen bilden, es dabei bleibe, dass lediglich in negativen Stereotypen über sie gesprochen wird. Hoffmann sprach auch strukturelle Barrieren an, darunter die Komplexität der kantonalen Verwaltung.

Hussein Hamdan reflektierte über den kollaborativen Prozess der Broschürenerstellung und hob ebenfalls hervor, dass es die muslimischen Frauen der BMK waren, die das Projekt zum Erfolg brachten. Ausserdem empfehle er der BMK, ihre Strukturen zu festigen und mit einer Stimme zu sprechen, um ihren Einfluss zu maximieren.

Wie es weitergeht?

Klar wurde an diesem Abend vor allem eines: Der Wille, dranzubleiben, ist groß. Im Raum standen konkrete Vorhaben – wie Barbara Heers Vorstoss für muslimische Seelsorge in Basel. Naiv sind die Podiumsgäste aber nicht: Die administrativen Anforderungen für die rechtliche Anerkennung der Muslime sowie rassistischen Strukturen, die die gesellschaftliche Anerkennung verhindern, sind grosse Herausforderungen.

Das Projekt hat einen Raum geschaffen, indem sich die Muslim:innen selbst vertreten und in Dialog mit Behörden und Bevölkerung gehen. Sowohl die Broschüre als auch die Veranstaltung markieren einen wichtigen Schritt hin zu einer Stimme für Muslim:innen, anstatt dass über sie gesprochen wird.

Sie können die Broschüre direkt beim BMK bestellen oder sie hier online lesen.

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