inforel war beim Gottesdienst am "Tag der Völker" zu Besuch, hat hinter die Kulissen geschaut, Videointerviews geführt und analysiert. Was haben die Kirchen bei der Gottesdienstvorbereitung gelernt? Und welches Potenzial hat das ungewohnte Format?
Wir von inforel waren zum christlichen & interkulturellen Gottesdienst am “Tag der Völker” dem 02.11.2025 eingeladen. Wir konnten uns sowohl einen Eindruck von den Vorbereitungen machen als auch nach dem Gottesdienst Interviews führen. Die Videointerviews geben Einblick, wie die Beteiligten den Gottesdienst erlebt haben und wir von inforel teilen hier im Text unsere Gedanken. Was denkst Du: Wie gelingt interkulturelle Religionspraxis?

Der Gottesdienst wurde von vielen verschiedenen Kirchen Basels gemeinsam gestaltet, darunter:
Der Gottesdienst am sogenannten "Tag der Völker" in der Thomaskirche an der Hegenheimerstrasse 229 in Basel war wortwörtlich vielfältig: Chöre aus den beteiligten Gemeinden zeigten ihre eigenen Traditionen. Gepredigt haben gleich drei Pastor:innen jeweils in einer anderen Sprache und ein Pantomime-Theater setzte den biblischen Text in Szene. Im Kirchenraum verteilt wurde an verschiedenen Stationen das Abendmahl ausgeteilt. Wortmeldungen von Kirchenratspräsidentin Regine Kokontis (Reformierte Kirche Baselland) sowie von Regierungsrat Baselland Thomi Jourdan erweiterten den liturgischen Rahmen um gesellschaftspolitische Perspektiven.
Den Abschluss bildeten Worship-Lieder begleitet von einer Band, die sich aus Mitgliedern verschiedener Gemeinden zusammensetzte. Nach ca. 2 Stunden Gottesdienst, hatten wir nicht den Eindruck, dass die Besucher:innen müde wurden, sondern sehr energetisiert zum Mittagessen zusammenkamen.
Das sagen die Gottedienstbesucher:innen zum "Tag der Völker":
Der gastgebende Pfarrer Andreas Manig stellt fest, dass sich seine Sorge, ob alle Gemeinden motiviert mitmachen würden, nicht bestätigt hat. Die Interviews zeigen, dass insbesondere das gemeinsame Musizieren und Singen ein starkes Gefühl der Zusammengehörigkeit erzeugt.
Dass in Basel verschiedene Kirchen verschiedener Kulturen zusammenarbeiten ist immer noch Ausnahme statt Regel. Daher ist ein Lob dieses interkulturellen Gottesdienstes am “Tag der Völker” in der Thomaskirche berechtigt.
Es bleibt stets eine Gratwanderung, Diversität nicht zu exotisieren. Bei interkulturellen Anlässen wird häufig mehr oder weniger subtil unterschieden zwischen einem Schweizerischen “Wir” und einem “die Anderen”, welches Menschen unterschiedlicher Herkunft homogenisiert; oder Diversität wird nur als Aushängeschild verwendet. Uns schien allerdings, dass die Beteiligten am "Tag der Völker" interkulturelle Begegnungen ehrlich wertschätzen. Trotzdem ist kein Mensch frei von stereotypischen Denkmustern. Deswegen ist es eine kontinuierliche Aufgabe aller, darauf acht zu geben, nicht nach diesen Denkmustern zu handeln.
Es braucht Fingerspitzengefühl und Erfahrung – was die Organisator:innen des Gottesdienstes am 02.11.2025 durchaus zeigten. Gerade weil das Konzept gemeinsam mit den beteiligten Gemeinden erarbeitet wurde, entstehen verbindliche Beziehungen zwischen den Gemeinden, die Augenhöhe schaffen.
Am 02.11.2025 war spürbar, dass die interkulturelle Gottesdienstform etwas Ungewohntes war – und zwar für alle Gäste, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund. Die neue Liturgie führte zu kurzen Momenten der Unsicherheit, oft aber zu einem wohlwollenden Lächeln. Aber gerade das macht den Reiz eines solchen Projekts aus. Es darf Ecken und Kanten haben und muss nicht perfekt sein. Irritationsmomente und die Konfrontation mit dem Ungewohnten sind konstruktiv für postmigrantische Gesellschaften, wie die Schweiz eine ist.

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Inforel hat nachgefragt: Welche Erfahrungen haben die “einheimischen Kirchen” gemacht? Was sind ihrer Meinung nach die Do’s und Don’ts?
Die Pfarrer Andreas Hartmann und Andreas Manig haben schon einiges an Erfahrung gesammelt. Auch Regierungsrat Baselland Thomi Jourdan teilte seine Meinung mit uns. Ihre Antworten gibt's im Video:
Pfarrer Andreas Hartmann betont, dass die Erfahrungen aus dieser Gottesdienstform auch über den religiösen Rahmen hinaus relevant sind. Was dabei gelernt und nach außen sichtbar gemacht werde, sei grundsätzlich wichtig für interkulturelle Begegnungen. Sein Tipp lautet, "auch mal Kontrolle abgeben" und vor allem an die Vision interkultureller Zusammenarbeit glauben. Für Pfarrer Andreas Manig bedeutet das, wach zu bleiben und die eigenen blinden Flecken bewusst zu bearbeiten.
Gerade in einer multi-weltanschaulichen Gesellschaft sollte ein interkultureller, christlicher Gottesdienst nicht dazu dienen, andere Religionsgemeinschaften zu delegitimieren. Ein gelungener interkultureller Ansatz bedeutet, die Zugehörigkeit nach innen zu stärken, ohne das Aussen abzuwerten.
In diesem Sinne sind interkulturelle Projekte wie der Gottesdienst am “Tag der Völker” essenzielle Lernorte. Wir sind gespannt, wie sich das Projekt weiterentwickelt.
*Der Begriff „einheimische Kirchen" wird hier für diejenigen verwendet, die als solche wahrgenommen werden und in der Geschichte der Schweiz präsent verankert sind. Der Begriff ist heikel, da er die gesellschaftlich konstruierten Narrative zwischen "dazugehörig" und "nicht dazugehörig" reproduziert. Allerdings macht er auch die strukturellen Unterschiede zwischen unterschiedlichen Religionsgemeinschaften deutlich, etwa in Bezug auf Ressourcen, rechtliche Anerkennung oder gesellschaftliche Präsenz. In den Sozialwissenschaften wird daher häufig auch von den "etablierten Religionsgemeinschaften" gesprochen.