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Diaspora. Glaube. Raum.

Was können uns religiöse Räume über das Leben in einer vielfältigen Gesellschaft verraten? Die Studie „Diaspora-Glaubensräume“ untersucht die räumlichen Gegebenheiten diasporischer bzw. migrantischer Religionsgemeinschaften in der Region Basel und beleuchtet die materiellen, sozialen und symbolischen Dimensionen ihrer genutzten Räume. Indem diese Dynamiken sichtbar gemacht werden, trägt die Studie zu einem tieferen Verständnis der gelebten religiösen Vielfalt in Basel bei und liefert eine Grundlage für informierte institutionelle und politische Diskussionen und die Entwicklung praktischer Lösungen.

Einleitung: Warum Diaspora-Glaubensräume in Basel untersuchen?

Was sind Diaspora-Gemeinschaften?

Unter diasporischen Religionsgemeinschaften verstehen wir religiöse Gruppen, deren Mitglieder einen Migrationshintergrund haben. Sie pflegen häufig enge Verbindungen zu ihrem Herkunftsland bzw. ihrer Herkunftskultur. Gleichzeitig haben sie sich in ihrem neuen Zuhause als Gemeinschaft formiert und etabliert, und treffen sich regelmässig zur gemeinsamen Religionspraxis. Oft verstehen sie sich als religiöse oder kulturelle Minderheit in der Schweizer Gesellschaft. 

Im Bild: Skyline von Basel-Stadt, Quelle:inforel
Warum ist das Thema in der Region Basel so relevant?

«Sobald man hört, dass es um einen religiösen Verein geht, bekommen wir keinen Raum» – Eine Aussage, die die Herausforderungen für diasporische Religionsgemeinschaften verdeutlicht. Die Untersuchung von Diaspora-Glaubensräumen hat uns noch vieles mehr gezeigt:

Basel zeichnet sich durch eine grosse religiöse Vielfalt aus. Gemäss der Datenbank von inforel beherbergt die Region mehr als 330 religiöse Gemeinschaften, von denen rund 170 als diasporische Glaubensgemeinschaften bezeichnet werden (vgl. inforel (o. J.): Datenbank der Religionsgemeinschaften in der Region Basel). Die Vielfalt und Unterschiedlichkeit dieser Gemeinschaften ist gross, denn es zählen sowohl jüdische als auch muslimische, alevitische, buddhistische und hinduistische Gruppen ebenso wie christliche Gemeinschaften unterschiedlicher konfessioneller und theologischer Traditionen, deren Mitglieder hauptsächlich Migrant:innen sind.

Die Religionsgemeinschaften sind eingebettet in eine Region, die stark von Migration und grenzüberschreitender Mobilität geprägt ist: 

Die Region Basel ist durch ihre Lage im Dreiländereck und die enge Verflechtung von Basel-Stadt, Basel-Landschaft und den angrenzenden Gebieten Frankreichs und Deutschlands geprägt. Die Stadt Basel bildet dabei einen wichtigen urbanen Bezugspunkt innerhalb dieser grenzüberschreitenden Region. Sie wird täglich von Menschen aus den umliegenden Gemeinden und Regionen aufgesucht, unter anderem für Arbeit, Bildung, soziale Kontakte und eben auch für religiöse Aktivitäten. Religiöse Gemeinschaften in der Region Basel können daher über die unmittelbare Wohnbevölkerung ihres jeweiligen Standortes hinaus Bedeutung haben. 

Ausserdem zeigt die Bevölkerungsstruktur beider Basel einen hohen Anteil der Bevölkerung mit Migrationshintergrund: In Basel-Stadt haben rund 55% der ständigen Wohnbevölkerung ab 15 Jahren einen Migrationshintergrund. Damit weist Basel-Stadt nach Genf (63%) den zweithöchsten Anteil in der Schweiz auf (vgl. Bundesamt für Statistik (BFS) (2022): Demografisches Porträt der Bevölkerung mit Migrationsbezug). In Basel-Landschaft liegt der Anteil bei rund 36% der Bevölkerung ab 15 Jahren (vgl. Amt für Daten und Statistik des Kantons Basel-Landschaft (2021)).

Migration prägt die Region Basel nicht nur in ihrer Bevölkerungsstruktur, sondern auch im gesellschaftlichen Leben. Prozesse der Teilhabe, der Etablierung und der Vernetzung finden an konkreten Orten statt, Räume sind daher mehr als eine Frage der Infrastruktur: Sie können sichtbar machen, wie Gemeinschaften ihren Platz in einer Gesellschaft gestalten, wie religiöses Leben organisiert wird und welche sozialen Beziehungen dabei entstehen. Für diasporische Religionsgemeinschaften ist deshalb interessant, welche Räume sie nutzen, wie sie diese gestalten, teilen oder anpassen und welche Rolle diese Räume für Gemeinschaft, religiöse Praxis und soziale Vernetzung spielen. Vor diesem Hintergrund untersucht die Studie die räumliche Situation diasporischer Religionsgemeinschaften in der Region Basel – beginnend mit der Frage, wo sich ihre Glaubensräume befinden.

Lage der Glaubensräume

Die Glaubensräume der 27 befragten diasporischen Gemeinschaften befinden sich überwiegend im Stadtzentrum (51,9 %) und in Wohngebieten (40,7 %). Industrie- und Gewerbegebiete machen 18,5 % der Nennungen aus. Ein Vergleich mit der Situation in der gesamten Schweiz ist hier aufschlussreich: Die Beiträge von Andreas Tunger-Zanetti und Martin Baumann im Sammelband "Die Stadt als religiöser Raum" (hg. von Johannes Stückelberger und Ann-Kathrin Seyffer, Zürich: TVZ, 2022) zeigen, dass schweizweit Moscheen sowie buddhistische und hinduistische Sakralräume diasporischer Gemeinschaften häufig eher am Stadtrand, in Industrie- und Gewerbegebieten oder in ländlichen Regionen angesiedelt sind.

Abbildung 1: Lage der Glaubensräume. Mehrfachnennungen möglich (n = 27).
Im Bild: Diaspora-Religionsgemeinschaft im Industriegebiet, Quelle: inforel
Welche Rolle spielen Räume für Glaubensgemeinschaften?

Religiöse Gemeinschaften benötigen Orte, an denen sie ihren Glauben ausüben, religiöse Bildung vermitteln, sich treffen, feiern, das Gemeinschaftsleben organisieren und ihre Traditionen weitergeben können. Religiöse Räume sind mehr als physische Räumlichkeiten: Sie können Gemeinschaft und Zugehörigkeit schaffen und ein Umfeld bieten, in dem religiöse, kulturelle und soziale Traditionen gepflegt und weitergegeben werden.

Gleichzeitig zeigt inforels fortlaufende Feldforschung, dass die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten, die langfristige Sicherung ihrer Nutzung und die Aufrechterhaltung der Sichtbarkeit im städtischen Umfeld zu den wiederkehrenden Herausforderungen zählen, mit denen viele diasporische Gemeinschaften konfrontiert sind.

Vor diesem Hintergrund untersucht das Projekt Diaspora-Glaubensräume die räumlichen Bedingungen diaspora-religiöser Gemeinschaften in der Region Basel. Das Projekt orientiert sich an folgenden Forschungsfragen:

  • Wie nutzen, verhandeln und erleben diasporische Religionsgemeinschaften in der Region Basel die Räume, in denen sie als religiöse Gemeinschaften zusammenkommen?
  • Welche strukturellen Bedingungen prägen ihre räumliche Situation?
  • Welche Strategien entwickeln sie im Umgang mit räumlichen Herausforderungen?
  • Welche Rolle spielen Raumgebende und andere Religionsgemeinschaften für die Nutzung und langfristige Sicherung ihrer Räume?

Das Projekt versteht religiösen Raum als multidimensional, das heisst in ihren physischen, sozialen und symbolischen Dimensionen (vgl. Religion, Raum und Natur, hg. von Bärbel Beinhauer-Köhler et al., 2017; vgl. auch Die Stadt als religiöser Raum, hg. von Johannes Stückelberger und Ann-Kathrin Seyffer, 2022). Der Fokus liegt daher nicht auf der Auswertung religiöser Praktiken selbst, sondern auf dem Verständnis der Bedingungen, unter denen religiöse Gemeinschaften ihre Räume organisieren und erleben.

Forschungsmethode und Phasen

Das Projekt Diaspora-Glaubensräume verbindet quantitative und qualitative Ansätze. In seiner ersten Phase (2026) wurde ein Fragebogen an diaspora-religiöse Gemeinschaften beider Basel versandt. Der Fragebogen untersuchte die Form und Bedingungen der Raumnutzung, in den Räumlichkeiten durchgeführte Aktivitäten, räumliche Herausforderungen, Zugänglichkeit, fehlende Funktionen sowie Erfahrungen mit Vermieterinnen und Vermietern, Nachbarschaft und Behörden. 27 Religionsgemeinschaften antworteten.

Die teilnehmenden Gemeinschaften repräsentierten ein breites Spektrum religiöser Traditionen: 

  • 11 christliche
  • 6 muslimische
  • 2 jüdische
  • 2 hinduistische Gemeinschaften 
  • 1 alevitische Gemeinschaft
  • 1 Gemeinschaft, die einer Neuen Religiösen Bewegung zugeordnet werden kann
  • 4 teilnehmende Gemeinschaften machten keine Angaben zu ihrer religiösen Zugehörigkeit. 

Diese Religionsgemeinschaften decken ein breites Spektrum religiöser Traditionen und organisatorischer Kontexte ab. Die Ergebnisse sind jedoch statistisch nicht repräsentativ für alle diaspora-religiösen Gemeinschaften der Region Basel.

Im Bild: Tempel im Gewerbegebiet, Quelle: inforel

Die nachfolgenden Phasen (2027) werden diese Befunde durch qualitative Interviews mit ausgewählten religiösen Gemeinschaften sowie durch die Einbeziehung der Perspektiven von Raumanbietenden und relevanten öffentlichen Akteuren vertiefen und erweitern. Dadurch wird es möglich sein, nicht nur die von den Gemeinschaften berichteten räumlichen Bedingungen zu untersuchen, sondern auch, wie diese Bedingungen von unterschiedlichen Akteuren erlebt, verhandelt und gestaltet werden.

Leitfragen

Basierend auf der ersten Phase (2026) der Studie fokussiert dieser Beitrag vier analytische Dimensionen: 

  1. Räumliche Stabilität: Ist die Nutzung des Raums für die Religionsgemeinschaft dauerhaft, sicher und verlässlich möglich?
  2. Räumliche Angemessenheit und Praktikabilität: Entsprechen die genutzten Räume den Bedürfnissen der Religionsgemeinschaft?
  3. Räumliche Zugänglichkeit und inklusive Nutzbarkeit: Sind die Räume für Mitglieder mit Beeinträchtigung der Gemeinschaft zugänglich und nutzbar?
  4. Mehrfachnutzung und Sakralität des Raumes: Wird die Mehrfachnutzung der Räume wahrgenommen und akzeptiert, und wie wird sie mit der sakralen Nutzung des Raumes vereinbart?

1. Räumliche Stabilität

Ist die Nutzung des Raums für die Religionsgemeinschaft dauerhaft, sicher und verlässlich möglich?
Was bedeutet es eigentlich, einen Raum dauerhaft nutzen zu können?

«Im Moment sind wir mit dem Raum zufrieden, aber die finanzielle Situation ist ein Problem, da in unserer Gemeinschaft die meisten Mitglieder in der Reinigung arbeiten und kein gutes Gehalt haben.» So drückt ein Vertreter einer diasporischer Religionsgemeinschaft das Verhältnis von Finanzierung und Nutzungsmöglichkeit im Fragebogen aus.

Das Beispiel zeigt: Ein Raum kann passend sein und trotzdem keine langfristige Sicherheit bieten. Räumliche Stabilität bedeutet mehr als die blosse Verfügbarkeit eines Raumes. Sie beschreibt, in welchem Ausmass eine Religionsgemeinschaft ihre Räumlichkeiten dauerhaft, sicher und verlässlich nutzen kann.

Für die Analyse wurde räumliche Stabilität nicht anhand einer einzelnen Frage zum persönlichen Empfinden bestimmt. Vielmehr wurde sie aus mehreren Fragen abgeleitet, die zeigen, wie viel Kontrolle eine Religionsgemeinschaft über ihre Raumnutzung hat und welchen Stabilitätsrisiken sie ausgesetzt ist.

Das Ergebnis ist: 

  • 29,6 % der teilnehmenden Gemeinschaften haben hohe räumliche Stabilität 
  • 63,0 % mittlere Stabilität und 
  • 7,4 % niedrige Stabilität.

Die genauere Analyse belegt die Vermutung, dass Langlebigkeit und räumlicher Stabilität nicht unbedingt zusammenhängen. Sprich: Nur weil eine Gemeinschaft schon viele Jahre in der Region besteht, folgt daraus nicht zwangsläufig eine stabile Raumnutzung. 20 der teilnehmenden Gemeinschaften bestehen seit 20 Jahren. Davon zeigten sechs hohe Stabilität, 13 als mittlere Stabilität und eine niedrige Stabilität.

Abbildung 2: Bestehensdauer der Religionsgemeinschaften in der Region Basel.

Fast 75 % der befragten Religionsgemeinschaften bestehen bereits seit mehr als 20 Jahren in der Region Basel. Nur 11,1 % bestehen seit weniger als fünf Jahren.

Die Umfrageergebnisse zeigt eine Reihe von Faktoren, die die räumliche Stabilität beeinträchtigen, darunter:

  • finanzieller Druck
  • Einschränkungen bei der Nutzung der Räumlichkeiten
  • Bedenken aus der Nachbarschaft
  • Probleme mit Vermieterinnen und Vermietern

Gleichzeitig zeigen die Befunde, warum Stabilität von funktionaler Angemessenheit unterschieden werden muss. Auch wenn eine Gemeinschaft aktuell ihre Räume mit hoher Stabilität nutzen kann, kann sie trotzdem den Wunsch oder Bedarf nach grösseren oder besser geeigneten Räumen haben. Hierzu mehr in Kapitel 2.

Im Bild: Diaspora-Religionsgemeinschaft in Wohngebäude, Quelle: inforel

2. Räumliche Angemessenheit und Praktikabilität

Entsprechen die genutzten Räume den Bedürfnissen der Religionsgemeinschaft?

Ein Raum kann dauerhaft verfügbar sein und trotzdem nicht wirklich passen. Für eine Religionsgemeinschaft reicht es deshalb nicht aus, überhaupt über einen Raum zu verfügen. Entscheidend ist auch, ob dieser Raum den Anforderungen des Gemeinschaftslebens gerecht wird: Ist er gross genug? Bietet er die nötigen Funktionen? Ist er praktisch nutzbar und für die verschiedenen Aktivitäten geeignet?

Deshalb verschiebt die zweite analytische Dimension den Fokus von der Sicherheit und Verlässlichkeit der Raumnutzung (siehe Kapitel 1) auf die Frage, ob genutzten Räume den Bedürfnissen und Anforderungen des Gemeinschaftslebens entsprechen. 

Die Befunde zeigen, dass für die Mehrheit die genutzten Räume überwiegend funktional, jedoch nicht vollständig angemessen für ihre Bedürfnisse sind. Von den 27 Gemeinschaften wurden 6 (22,2 %) als angemessen, 15 (55,6 %) als teilweise angemessen und 6 (22,2 %) als nicht angemessen eingestuft.

Der hohe Anteil an Gemeinschaften, deren Räume als teilweise angemessen eingestuft wurden, ist besonders bedeutsam. Er deutet darauf hin, dass räumliche Einschränkungen Gemeinschaften in der Regel nicht daran hindern, ihre zentralen religiösen Aktivitäten durchzuführen. Vielmehr stossen viele Gemeinschaften auf Einschränkungen, wenn sie grössere Gruppen, zusätzliche Aktivitäten oder Funktionen über den Gottesdienst hinaus unterbringen müssen, laut der Befragung.

Die Art der Aktivitäten verdeutlichen die Breite ihrer räumlichen Bedürfnisse. Neben Gottesdiensten und gemeinschaftlichen Feierlichkeiten nutzen die befragten diasporischen Glaubensgemeinschaften die Räume für Bildungsaktivitäten, soziale Arbeit und administrative Aufgaben. Darüber hinaus äussern viele Gemeinschaften Bedarf an zusätzlichen oder praktischeren Räumen, insbesondere für Kinder und Jugendliche (37,0 %), grössere Versammlungen (33,3 %), barrierefreie Einrichtungen und Sitzungs- bzw. Besprechungsräume (je 29,6 %). Weitere Bedarfe betreffen Küchen- und Essbereiche (22,2 %) sowie Räume für Gebet oder Meditation (18,5 %). 

Drei Formen räumlicher Einschränkung sind besonders erkennbar: Erstens fehlen den meisten der Befragten lediglich für einzelne Feste im Jahr grössere Räume. Zweitens ist es nicht die Raumgrösse, sondern die funktionale Ausstattung, die meist als ausbaufähig empfunden wurde. Ein Raum kann für Gottesdienste ausreichend sein, jedoch keine Räume für Kinderaktivitäten, Sitzungen, Bildung oder andere Aspekte des Gemeinschaftslebens bieten. Drittens wird die Praktikabilität durch die Bedingungen beeinflusst, unter denen der Raum genutzt und angepasst werden kann, einschliesslich finanzieller Einschränkungen, erschwertem Zugang, Bedenken aus der Nachbarschaft und Einschränkungen bei der Veränderung oder Umgestaltung der Räumlichkeiten.

Die Befunde unterstützen daher nicht die Schlussfolgerung, dass diaspora-religiösen Gemeinschaften generell angemessene Räumlichkeiten fehlen. Vielmehr zeigt sich, dass die Räume weitgehend den Bedürfnissen angemessen sind und sie nur für einzelne Aktivitäten als unpraktisch empfinden oder sie gar an der Umsetzung der Aktivität hindern. In Anbetracht dessen, dass drei Viertel der befragten Gemeinschaften ihre Räume wöchentlich bis täglich (29,6% täglich, 25,9% mehrmals pro Woche, 18.5% wöchentlich) verwenden, ist die Angemessenheit und Praktikabilität der Räume ein wichtiges Ziel für die Gemeinschaften. 

Abbildung 3: Nutzungshäufigkeit der Räume
Im Bild: Umbau der Kulturkirche Paulus für einen orthodoxen Gottesdienst, Quelle: inforel

3. Zugänglichkeit und inklusive Nutzbarkeit

Sind die Räume für Mitglieder mit Beeinträchtigung der Gemeinschaft zugänglich und nutzbar?

Ein Raum kann zwar vorhanden und für eine Gemeinschaft grundsätzlich geeignet sein, aber trotzdem nicht für alle Menschen gleich gut zugänglich. Deshalb wurde in der Umfrage auch gefragt, inwieweit die genutzten Räume von unterschiedlichen Mitgliedern tatsächlich erreicht und genutzt werden können. Dabei ging es insbesondere um den Zugang für Menschen mit Beeinträchtigung, aber auch um allgemeine Zugangsprobleme und fehlende Einrichtungen zur Barrierefreiheit.

Von den 27 Religionsgemeinschaften stuften wir 13 (48,1 %) als inklusiv ein, 9 (33,3 %) als eingeschränkt inklusiv, wie zum Beispiel erschwerter Zugang durch Treppen, und 5 (18,5 %) als exkludierend. Während also fast die Hälfte der Gemeinschaften über Räume berichtete, die allgemein als zugänglich und nutzbar betrachtet werden können, fiel mehr als die Hälfte in die Kategorien eingeschränkt inklusiv oder exkludierend. 

Die Befunde sollten sorgfältig interpretiert werden. Die Studie identifiziert räumliche und praktische Zugangsbarrieren, misst jedoch nicht, wie häufig Barrieren auftreten oder ob alternative Vorkehrungen verfügbar sind. Der Fragebogen bietet zudem kein umfassendes Mass für soziale Inklusion in Bezug auf Sprache, Geschlecht, Alter, soziale Teilhabe oder finanzielle Zugänglichkeit. Die Kategorie sollte daher primär als räumliche Zugänglichkeit mit einer inklusionsorientierten Perspektive verstanden werden und nicht als umfassendes Mass für soziale Inklusion.

Im Bild: Rollstuhlrampe vor einer Kirche, Quelle: inforel

4. Erfahrungen mit geteilten Räumen

Wird die Mehrfachnutzung der Räume wahrgenommen und akzeptiert, und wie wird sie mit der sakralen Nutzung des Raumes vereinbart?
Was passiert, wenn ein religiöser Raum nicht nur von einer Gemeinschaft oder nicht nur für religiöse Zwecke genutzt wird? 

Die vierte Dimension untersucht, wie Mehrfachnutzung wahrgenommen und akzeptiert wird und wie sie mit der sakralen Nutzung des Raumes vereinbart wird. Dabei wird Mehrfachnutzung nicht einfach als Ausdruck von Offenheit oder Geschlossenheit verstanden. Sie kann sowohl freiwillig als auch aus praktischen oder strukturellen Gründen entstehen.

Die Antworten zeigen eine vielfältige räumliche Situation. 9 von 27 Befragten nutzen gemietete Räume, die nur von ihnen genutzt werden, während ebenfalls 9 gemietete Räume nutzen, die anderen Religionsgemeinschaften gehören. 6 Gemeinschaften verfügen über Eigentum und nutzen diese Räume allein. 3 weitere verfügen ebenfalls über eigene Räume und teilen diese mit anderen Gruppen. 

Die gemeinsame Nutzung bringt teilweise praktische Anpassungen mit sich. Zehn Gemeinschaften (37,0 %) nennen beispielsweise zusätzlichen Aufwand für Reinigung und Vorbereitung. Gleichzeitig berichten fünf (18,5 %), dass sie keine Auswirkungen beobachten, und drei (11,1 %) erleben die gemeinsame Nutzung sogar als Bereicherung. Geteilte Räume werden also ganz unterschiedlich erlebt.

Neben den praktischen Bedingungen spielt auch die Sakralität des Raumes eine Rolle. Sakralräume sind Räume, die von Religionsgemeinschaften als heilig angesehen werden. In neun Antworten (33,3 %) wird ausdrücklich genannt, dass der Raum sakral sein soll, damit sie ihn nutzen können. Gleichzeitig zeigt sich, dass Sakralität nicht grundsätzlich gegen Mehrfachnutzung spricht. Räume können geteilt und weiterhin für religiöse Zwecke genutzt werden, sofern unterschiedliche Nutzungen miteinander vereinbar sind.

Die Nutzung für nicht-religiöse Zwecke wird also unterschiedlich bewertet. Sie wird von 25,9 % positiv und von 22,2 % neutral beurteilt. Weitere Gemeinschaften akzeptieren sie aufgrund fehlender Alternativen oder versuchen, sich an entsprechende Bedingungen anzupassen. 

Mehrfachnutzung lässt sich daher nicht allein durch Eigentum oder räumlichen Mangel erklären. Vielmehr treffen räumliche Verfügbarkeit, praktische Anforderungen, Kontrolle und religiöse Nutzung aufeinander. Wie solche Kooperationen entstehen, wie sie von den beteiligten Akteuren erlebt werden und welche Rolle Raumgebende dabei spielen, wird in den nächsten Phasen der Studie vertieft.

5. Herausforderungen und Ausblick

Wie Gemeinschaften mit räumlichen Herausforderungen umgehen, zeigt den Stand ihrer Handlungsfähigkeit und ihrer sozialen Ressourcen. Für Neun der 27 Gemeinschaften (33,3 %) ist die gemeinsame Planung mit ihren Mitgliedern eine wichtige Lösungsstrategie bei Herausforderungen, für acht (29,6 %) ist es die Kooperation mit anderen Gruppen. Fünf (18,5 %) mieten zusätzliche Räume und vier (14,8 %) greifen auf Mehrzweckräume zurück. Nur drei (11,1 %) nennen die Unterstützung von Behörden als Lösungsstrategie.

Die Ergebnisse zeigen damit ein Spannungsfeld zwischen strukturellen Einschränkungen und unterschiedlichen Formen der Offenheit und Kooperation. Während räumliche Bedingungen teilweise Anpassungen erfordern, nutzen die Gemeinschaften zugleich Kooperation und gemeinsame Planung als wichtige Strategien, um mit Einschränkungen und Barrieren umzugehen.

Reichweite und Ausblick

Die Ergebnisse dieser ersten Studienphase zeigen, wie vielfältig die räumliche Situation Diaspora-Glaubensgemeinschaften in der Region Basel ist. Sie geben Einblicke in ihre Raumnutzung, ihre Herausforderungen und ihre Strategien im Umgang damit. Bei der Studie handelt es sich nicht um eine Längsschnittstudie. Sie bietet eine Momentaufnahme, der von den teilnehmenden Religionsgemeinschaften zum Zeitpunkt der Befragung berichteten, räumlichen Situation. Sie kann weder aufzeigen, wie sich die räumliche Situation einzelner Gemeinschaften im Zeitverlauf verändert, noch kausale Zusammenhänge zwischen Migration, institutioneller Entwicklung und räumlichen Bedingungen bestimmen.

Die Ergebnisse sind vielmehr als Hinweise auf Muster, Unterschiede und Fragestellungen zu verstehen, die für weitere Untersuchungen genutzt werden können.

Genau hier setzen die nächsten Phasen der Studie an. Sie erweitern die Perspektive um die Sicht von Raumgebenden und weiteren relevanten Akteuren. So soll besser verstanden werden, wie religiöse Räume erlebt, ausgehandelt und mitgestaltet werden. 

Zusammenfassung der zentralen Befunde
  • Räumliche Stabilität und institutionelle Bestandsdauer fallen nicht zwangsläufig zusammen. Das heisst, auch langjährig bestehende Gemeinschaften können sich in einer räumlich instabilen Situation befinden.
  • Räume, die lediglich als "teilweise angemessen" eingestuft werden, bilden das vorherrschende Muster. Die meisten Gemeinschaften verfügen über Räume, die ihre grundlegenden Aktivitäten ermöglichen, ihren weitergehenden räumlichen Bedürfnissen jedoch nicht vollständig entsprechen.
  • Die Zugänglichkeit ist unterschiedlich ausgeprägt. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Gemeinschaften weist zumindest gewisse Einschränkungen hinsichtlich der Zugänglichkeit oder Nutzbarkeit ihrer Räume auf.
  • Räumliche Herausforderungen sind multidimensional und nicht einheitlich ausgeprägt. Eine Gemeinschaft kann beispielsweise über einen langfristig gesicherten Raum verfügen, der jedoch zu klein oder für bestimmte Aktivitäten ungeeignet ist. Umgekehrt kann ein gut geeigneter Raum aufgrund hoher Mietkosten langfristig unsicher sein.
  • Mehrfachnutzung ist vielfältig und nicht grundsätzlich problematisch. Sie kann zusätzlichen organisatorischen Aufwand bedeuten, wird teilweise aber auch als unproblematisch oder bereichernd erlebt. Sakralität der Räume stellt dabei eine wichtige, aber nicht grundsätzlich unvereinbare Anforderung dar.
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